Dienstag, 4. März 2008

Russlands Wahlzeit Quirings Mahlzeit

Die Wahlen in Russland sind vorbei und als nächster Präsident wurde erwartungsgemäß Dmitrij Medvedev gewählt. Dass Wahlen gemeinhin ein Aufflackern der medialen Aufmerksamkeit für ein Land bedeuten, ist eher natürlich, natürlich ist im Falle Russlands aber auch eine traditionelle Portion Dreck. Und obwohl die russischen Wahlen objektiv von den Wahlen in westeuropäischen Ländern abweichen (wenn man diese denn als Koordinatenursprung nimmt), so waren die Kommentare dennoch zu unausgewogen und oft geradezu ungezügelt.

Konstant wurde versucht, die Wahl als eine Farce darzustellen, als ob eine gesellschaftliche Willenserklärung nur dann als demokratisch gelten dürfte, wenn es ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen gibt. Die Russen wählten Medvedev, der die Fortsetzung des Kurses von Putin repräsentiert, weil ihnen dieser Kurs überwiegend gefällt und andere politische Kräfte nicht Besseres und Glaubwürdiges aufbieten konnten. Die Russen haben gute Gründe so zu wählen, wie sie es taten, auch wenn so mancher erboster SPIEGEL-Kommentator, der sich nicht die Mühe einer tieferen Analyse macht, sie als willenloses "Stimmvieh" verunglimpft. In erster Linie spüren die Russen den Aufschwung an Ihrem Geldbeutel, während das viel zitierte staatliche Fernsehen alleine nur bedingt für die Verbesserung des Kreml-Images geeignet wäre. Wie schlecht muss man Russland kennen und wie sehr die Russen verachten, um ernsthaft zu behaupten, dass ihre Sympathien schlicht vom Ausmaß der regierungslobenden Fernsehbilder abhängen. Da macht es sich jemand mächtig einfach.

Das Fehlen ernsthafter Kandidaten ergibt sich aus der parteipolitischen Landschaft Russlands. Die Kommunisten und die LDPR vereinigen auf sich ca. 30% des Wähler, die entweder aus ewig gestrigen Senioren bestehen oder aus Spaßwählern, denen die Show-Einlagen eines Schirinowski gefallen. Diese Nischen sind in festen Händen von Witzfiguren, die sich per Definition nicht reformieren und auch nicht gewinnen können. Ergeben hat sich das lange vor Putin und er trägt keine Schuld daran.

Was bleibt, ist die liberale Strömung. Theoretisch hätte sie ein Potenzial von 20 bis 40%, wenn sie zu drei notwendigen internen Reformschritten imstande wäre: ihre chronische Zersplitterung inmitten von kleinlichem Gezänk zu überwinden, mit ihren umstrittenen Führungsfiguren aus den 90er Jahren zu brechen sowie einen radikalen Image-Wechsel von der abgehobenen fünften Kolonne des Auslands hin zu Patrioten des Landes zu vollführen. In diesem Fall könnten die Liberalen einen starken Zulauf aus der wachsenden Mittelschicht junger energischer Menschen bekommen, erst recht, wenn ihnen eine charismatische und glaubwürdige Person vorstehen würde. Provokateure wie Kasparov oder dubiose Figuren wie Kasjanov, Nemzov oder Tschubais eignen sich definitiv nicht dazu. Jeder Blinde erkennt, dass hier eine Wahlblamage vorprogrammiert ist, weshalb es auch nicht der Staatsmacht zuzuschreiben ist, dass die meisten bei den aktuellen Wahlen vorzeitig aus dem Rennen ausstiegen. Nemzov und Kasparov zogen die Notbremse, um mit standesgemäßen Meckern gegen den Kreml noch halbwegs das Gesicht zu wahren. Besonders kreativ war dabei Kasparov, der als Erklärung die Behauptung vortrug, ihm sei es nicht gelungen, rechtzeitig Räumlichkeiten für eine Parteiversammlung zu mieten. Die Primitivität dieses Märchens lag nicht nur darin, dass genügend Mietflächen im Besitz liberaler SPS-Oligarchen sind, die im Clinch mit der Staatsmacht liegen, sondern auch darin, wie halbherzig es vorgetragen wurde, bevor der sonst streitlustige Kasparov sich für mehrere Monate zurückzog.

Im Grunde heißt das Ganze, dass die russische Wählerlandschaft normal und gesund ist und spannende Wahlen durchaus möglich wären. Ein charismatisches Aushängeschild der Liberalen, der die oben genannten Bedingungen erfüllt, könnte es gegen den Kreml-Kandidaten potenziell in eine Stichwahl schaffen, in der dann im Falle einer Unzufriedenheit mit dem Kreml mit den Stimmen aller möglicher Protestwähler alles möglich wäre. Davon ist die derzeitige Opposition jedoch noch meilenweit enfernt. Und zwar in erster Linie aus eigener Schuld und nicht wegen den Machenschaften des Kremls.

Mache westliche "Russlandkenner" wie Manfred Quiring von Die Welt schufteten sich am Wahltag regelrecht ab, um im Stundentakt immer neue abwertende Russland-Artikel hervorzuwürgen. Dabei durfte kein noch so marginales und von wem auch immer in die Welt gesetztes Gerücht fehlen, dass irgendwo in dem 145-Millionen-Land irgendwas nicht regelkonform lief. Was Handfestes präsentiert der alternde "Star der investigativen Journalistik" Manfred Quiring ja ohnehin so gut wie nie, denn schon morgen interessiert ihn sein Geschwätz vom Vortag kaum noch und Verantwortung für seine Schlammwürfe muss er sowieso nicht tragen. So auch diesmal, als alles was er aus sich herauspresste, um die Wahl als manipuliert zu porträtieren, mit den Worten anfing wie "es heißt, dass", "man erzählt" oder "es soll zu .. gekommen sein". Eine Bildunterschrift sagt's direkt: Medvedev und Putin haben zweifelhafte Legitimation. Beleidigt wird die Intelligenz des Lesers unter anderem mit Gerüchten über den Zwang, Medvedev zu wählen. Wie letztlich überprüft werden soll, wer was auf dem Wahlzettel angekreuzt hat, erklärt Quiring nicht. Wenn er die Behauptung anstellen will, dass die Geheimwahlen in Russland abgeschafft wurden, dann sollte er das auch im Klartext schreiben. Er bevorzugt jedoch kleinliches, zu nichts verpflichtendes Wuseln.

Wie ein Schlag ins Gesicht dürfte nach all seinen Bemühungen jedoch die Umfrage gewesen sein, die viele seine Artikel zierte. Dort wurden die Leser aufgerufen, die Regierungszeit Vladimir Putins zu bewerten. Etwa 2/3 der über 1000 Teilnehmer gaben ihm ungeachtet des stetigen Propaganda-Trommelfeuers die Noten von 1 bis 3.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wie kommen Sie bitte denn auf 145 Millionen? Ist das mal wieder der typisch russische Hang zum verfälschen von "offiziellen Statisitiken"? Katyn war ja auch ein Verbrechen der Hitlerfaschisten.

Alter Provokateur...

Anonym hat gesagt…

http://en.rian.ru/russia/20080221/99803097.html

Hier ein Link, damit sie sich ein wenig informieren können. Es ist nicht soo schwer mit ein bisschen Recherche etwas zu posten, das nicht gleich im allerersten Atemzug als glatte Lüge erkennbar ist.

Jetzt weiß ich nicht ob ich Ihnen auch noch Ihre anderen "Scheinwahrheiten" unter die Nase halten soll. Ich vermute Sie wissen selber wie verifizierbar ihre Aussagen sind, wenn man die populistisch und emotional durchtränkte blumige Sprache Ihrerseits weglässt.

Aber wie pflegen Sie gerne zu sagen? o-Ton: "...Joseph Goebbels wäre stolz auf Sie."

Dieses Schwert ist zweischneidig...

Gruß und ein schönes Wochenende. -- Anonymus

der unbequeme hat gesagt…

Die Bevölkerungszahlen von Ländern sind in ständiger Bewegung. Ist diese Haarspalterei von 3 Millionen im Falle eines so großen Landes wie Russland das einzige, was Sie am Artikel zu bemängeln haben? Das ist ja echt ein Armutszeugnis von Ihnen.

Anonym hat gesagt…

Einen Link von RIAN zu empfehlen, damit man die "Wahrheit" erkennt, ist schon fast wieder lustig. Anonymus, Sie sind ein wahrer Schelm !
pippie

der unbequeme hat gesagt…

Das Problem ist nicht die Glaubwürdigkeit von RIAN, an der ich nichts auszusetzen habe, sondern die Kleinlichkeit des anonymen Users. Man sieht, dass er unbedingt etwas bemängeln will, aber kaum etwas findet, so dass er auf solche seltsame Vorwürfe zurückgreifen muss. Bei normalen Leuten gäbe es da eine Schranke des gesunden Menschenverstandes, aber das ist, wie gesagt, bei normalen Leuten.

Anonym hat gesagt…

Ich zeitweise schon, deshalb der Kommentar! Ihr Artikel war übrigens wirklich gut ! pippie

Anonym hat gesagt…

Ja ein toller Artikel! Ich wünschte dies scheiß Hitlerfaschisten würden mal ihr Gehirn benutzen anstatt immer nur über unser Russland herzuziehen.

Aber früher oder später wird diese Recknung beglichen werden. grüßle igor

Anonym hat gesagt…

Sie Russlandphobie in Deutschland hat nichts mit dem Faschismus zu tun, sondern ist Folge des Jahrzente langer Feindbild-Sowjetunion Propaganda.

Bitte lasst doch diese dähmlichen Hitler und Stalin Vergleiche, das tut unseren Beziehungen nicht gut.

Anonym hat gesagt…

Und ausser dem: Hitlers Rechnung haben wir Deutschen schon bezahlt. Ich will und kann da nichts verharmlosen und mir ist das leid das die Generation der Eltern meiner Eltern über Russland gebracht hat wohl bewust.

Aber meine Generation hat mit Russland keine Rechnung mehr offen. Ich ich hoffe keiner der beiden Nationen macht eine neue Rechnung auf.

der unbequeme hat gesagt…

@ Igor

derartige radikale Ansichten unterstütze ich nicht und glaube nicht, dass sie hilfreich sind.

Mike hat gesagt…

Wirklich peinlich die ersten beiden Kommentare! Mehr kann man dazu nicht sagen.

Wenn diese Person Lügen, Propaganda und Hetze sucht, dann sollte sie einen anderen Blog besuchen.

http://russophobe.blogspot.com

Anonym hat gesagt…

Zu bemängeln gibt es nichts - dazu wurde zuviel weggelassen. Tja, ich sage nur: Politkovskaja... komplette Liste hier (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_journalists_killed_in_Russia)
... Tschetschenien ...
... Litvinenko ...

der unbequeme hat gesagt…

Sie haben noch Iwan den Schrecklichen vergessen...

Was hat das jetzt alles mit Wahlen zu tun, dem Thema dieses Artikels?

Mike hat gesagt…

>>Tja, ich sage nur: Politkovskaja... komplette Liste hier (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_journalists_killed_in_Russia)
... Tschetschenien ...
... Litvinenko ...<<

Schön. Und was genau wollen Sie damit sagen? Das die Mordrate an Journalisten unter Putin viel kleiner geworden ist? Und das Tschetschenien weitesgehend befriedet ist und aufblüht?

Dann muss ich Ihnen absolut recht geben!

http://fkriuk.blogspot.com/2008/02/audit-of-committee-to-protect.html

http://www.stern.de/politik/ausland/611928.html?cp=2

Inwiefern es etwas mit diesem Artikel zu tun hat, müssen Sie aber bitte mal genauer erklären!

Mike hat gesagt…

Nochmal die Links, haben im letzten Komment leider nicht ganz reingepasst:

http://fkriuk.blogspot.com/2008/02/
audit-of-committee-to-protect.html

http://www.stern.de/politik/ausland/611928.html

Anonym hat gesagt…

Ich liebe die Pharisäer vom Typ "aufgeklärter Westler". Mit Vorliebe popeln sie nach den Splittern in fremden Augen, wobei sie die Balken in den Augen der eigenen Mischpoke übersehen.

Beispiele gefällig?
Der Fall Barschel ist eigentlich reinste Staatskriminalität: Vertuschung eines Verbrechens. Hier hätten sich unsere fleißigen Wahrheitssucher abarbeiten können. Im Gegensatz zum Fall Politkowskaja gab es damals eine Fülle von Mordindizien, die sogar kurzzeitig die Schweigemauer durchdrangen aber auf wundersame Weise verschwanden. Die Feststellung der Putzfrau ("Selbstmord") stand sofort als Untersuchungsergenis fest. (Ich entsinne mich noch heute, wie ich seinerzeit fassungslos die Entwicklung verfolgte.) Nur dank einiger fleißiger Wühlmäuse - nicht dank des BKA(!!!) - wissen wir heute, daß es garantiert kein Selbstmord war.
Daß Möllemanns Fehlsprung zum Himmel stinkt, fällt auch nur "Verschwörungstheoretikern", die sich nicht mit den Informationen der "freien Presse" zufrieden geben, auf - auch hier könnte man sich abarbeiten.
Und wenn unsere US-Freunde mal eben ein paar Journalisten mit der Panzerhaubitze aus dem Hochhaus pusten, dann sagen diese Leute: ups - dummer Fehlschuß. Auch Kelly's "Selbstmord" auf dem Acker, weil keiner ihm glauben wollte, daß Sadam keine Chemiewaffen hatte, hat ein Gerüchle ... (usw. usf. ff.)

Kein Fall kann abstrus genug sein - wenn die westlichen Regierungen sagen "Es war so!", dann wird es geglaubt - denn "der Westen" ist ja per Definition "frei" und "rechtsstaatlich" - basta.
Vielleicht war Rußlands Fehler nur der, nicht einfach staatlich festzustellen, daß Frau Politkowskaja Selbstmord beging, indem sie sich in den Weg von Kugel stellte. Na, der US-Regierung hätten unsere Hellseher diese Version garantiert abgenommen!
Jedenfalls mußte man sich bei Putin schon sehr wundern, daß der als so verschlagen geltende ausgerechnet zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt eine unbequeme Journalitin umlegen läßt...
Mal ehrlich, lieber Unbequemer: Ist der Geheimdienst in Rußland schon so heruntergekommen, daß er nicht mehr weiß, wie man einen sauberen Selbstmord hinlegt?

Die argumentative Schärfe einiger selbstgerechter Westler läßt mich erschaudern ...

Apropos Wahlen: Es ist mir zu albern, zum Thema Wahlbehinderung in Rußland auch nur eine überflüssige Zeile zu schreiben. Wer wissen will, wo die Opposition niederträchtiger behindert wird - in Rußland oder der BRD - der befleißige sich, die hiesigen patriotischen Parteien dazu zu befragen. Ich bin sicher, daß nichts, aber auch garnichts, was Rußland vorgeworfen wird, hier nicht angewandt worden ist

Golovko hat gesagt…

Den Herrn Quiring von der WELT darf man wohl getrost als "Witzfigur" bezeichnen...interessanterweise war er in den 80`er Jahren für die (Ost)"Berliner Zeitung" bereits Korrespondent in Moskau- damals natürlich stramm auf der Parteilinie der SED:

www.morgenpost.de/z/dieredaktion/index.html?art_id=51

Anonym hat gesagt…

Alter Provokateur...