Freitag, 10. Januar 2014

Demografie: Wo die Geringschätzung Russlands zum Eigentor wird

Dass die Berichterstattung über Russland einseitig negativ ist, dürfte mittlerweile jedem bekannt sein. Doch gibt es Beispiele für eindeutig erfolgreiche und wichtige Entwicklungen in Russland, die der deutschen Öffentlichkeit vorenthalten werden und zugleich ziemlich erkenntnis- und lehrreich sind? Klar, zum Beispiel auf dem Gebiet der Demografie.

Noch vor nicht allzu langer Zeit war Russlands dramatischer Bevölkerungsrückgang eines der symbolischen Attribute des allgemeinen Niedergangs und der fehlenden Zukunftsperspektiven des Landes. Am Ende der ultraliberalen Jelzin-Ära starb die russische Bevölkerung jedes Jahr um ca. 1 Million Menschen aus. Lediglich die Einwanderung aus anderen GUS-Republiken konnte dieses dicke Minus geringfügig abmildern.

13 Jahre später ist davon praktisch nichts mehr zu spüren. Erstmals in der postsowjetischen Geschichte wies Russland 2013 ein natürliches Bevölkerungswachstum von ca. 40 Tsd. Menschen auf, also noch vor der Berücksichtigung des postitiven Migrationssaldos von aktuell ca. 400 Tsd. Menschen*. Eine derartige positive Umkehr der demografischen Dynamik ist bislang weltweit ohne Beispiel, erst recht in einer so kurzen Zeit. Die katastrophale Geburtenrate von lediglich 8,3 pro Tausend Einwohner im Jahre 1999 stieg bereits 2012 auf ein Niveau von 13,3. Wurden in Russland im letzten Jelzin-Jahr nur 1,2 Millionen Menschen geboren, waren es dreizehn Jahre später bereits 1,9 Millionen. Die Erhöhung der Geburtenzahlen geht mit einer Verbesserung von zahlreichen anderen demografischen und sozialen Kennzahlen einher. So sank beispielsweise auch die Sterberate von 16,1 auf nunmehr 13,2, was unter dem Strich ein leichtes natürliches Wachstum ergibt.

Die demografische Entwicklung Russlands (Grafik: Wikipedia)
Nur wenige Deutsche wissen, dass Russland unter Präsident Putin seit mehreren Jahren eine aktive und erfolgreiche Politik der Geburtenförderung betreibt. Die als Mutterschaftskapital bezeichnete staatliche Unterstützung sieht für jedes zweite und nachfolgende Kind ein Zertifikat im Wert von aktuell ca. 10.000 Euro vor, das nach Ablauf von drei Jahren für die Verbesserung der familiären Wohnsituation, für die Bildung oder für die Altersvorsorge der Eltern eingelöst werden kann. Eine zusätzliche gezielte Geburtenförderung in geburtenschwachen Regionen ist in Planung. Vielfach bekommen junge Familien, die zu bestimmten sozialen Gruppen gehören (Armeeangehörige, Lehrer, Ärzte etc.) im Rahmen von diversen staatlichen Hilfs- und Anreizprogrammen Eigentumswohnungen bereitgestellt, entweder unentgeltlich oder zu besonders günstigen Konditionen. Gerade in den letzten Jahren hat der staatliche Wohnungsbau in Russland rapide zugenommen.

Die russichen Erfolge auf demografischem Gebiet wären auch für Deutschland ein interessantes Studienfeld. Denn Deutschland ist im Hinblick auf die Geburtenrate das Schlusslicht in der EU mit gerade mal 8,4 Geburten pro Tausend Einwohner. Ein Wert, der in etwa dem erwähnten russischen Tiefstwert nach dem sozialen Schock der Jelzin-Zeit entspricht. Es ist unnötig zu erwähnen, wie viele negative Implikationen die Schrumpfung und die Überalterung der Bevölkerung für Wirtschaft, Staat und Sozialsysteme künftig mit sich bringen, abgesehen von der allgemeinen Bedeutungsabnahme Deutschlands auf der internationalen Bühne.

Hier zeigt sich jedoch die Destruktivität der deutschen Massenmedien, die, anstatt mögliche Lösungskonzepte am Beispiel Russlands aufzuzeigen, lieber ausschließlich Negatives über das Land berichten und das ungeschriebene sakrale Axiom hochhalten, dass in Russland nichts besser sein kann, als in Deutschland. Fundamental wichtige Themen und Entwicklungen wie die Demografie werden übertüncht mit Trash-Themen wie Pussy Riot, Chodorkowski oder das Gesetz gegen Homosexuellen-Propaganda, die ein breites Feld für die gängige mediale Empörungskultur bieten.

Zu den Gründen der russischen demografischen Gesundung gehört unter anderem auch, dass dort nach einer chaotischen und nihilistischen Zeit wieder eine Rückkehr zu konservativen Werten zu beobachten ist.  Der strikte Individualismus westlicher Prägung, die übers Ziel hinaus schießende Emanzipation, die übersteigerte sexuelle Freizügigkeit und Toleranz, durch die Familienstrukturen und -werte untergraben werden, sind in Russland letztlich auf gesellschaftliche Widerstände gestoßen und konnten keine Wurzeln schlagen, weil sie intuitiv als perspektivlos empfunden werden. Dabei wäre es falsch, zu sagen, dass diese Entwicklung primär vom Staat gesteuert ist. Die Initiative kommt vielmehr aus der Tiefe der Gesellschaft, auf deren Anfragen und Anliegen der Gesetzgeber reagiert. Anders, als in den 1990er Jahren, versucht der russische Staat heute nicht mehr, in der Wertepolitik dem Westen zu gefallen und hört stärker auf die eigene Bevölkerung. Es ist unter anderem diese Gleichgültigkeit gegenüber den neoliberalen Lehren, die den Westen aktuell so an Russland reizt und stört. Gleichzeitig ist es mit ein Grund für die Medien, die jüngsten demografischen Erfolge Russlands zu ignorieren. Denn die Analyse würde mit hoher Wahrscheinlichkeit den ganzen Wertekomplex aufwerfen, der mit einer gesunden Demografie untrennbar verbunden ist. Gerade darauf hat die politische Klasse keine Lust. Sie rennt lieber weiter der Schrumpfung und dem Bedeutungsverlust entgegen, als die neoliberale Religion der Moderne zu hinterfragen.

* Alle Daten gemäß Rosstat

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Darf man zum relaunch gratulieren?
Endlich.
Ich habe von den Familienhilfen gehört, die positive Statistik ist mehr als nötig. Die Rohstoffe sollen genutzt und müssen verteidigt werden.
Chodorkowsky ist in der Schweiz und holt etwas Luxus nach. Und die Pussies müssen noch den Kölner Dom finden.
Und wenn in Sotschi etwas passiert, dann sollte man die Saudis beim Wort nehmen, dass sie es hätten verhindern können.

der unbequeme hat gesagt…

Danke sehr! Freut mich, dass Sie meinen Blog lesen :)

Anonym hat gesagt…

Nach langer Zeit endlich mal wieder wohlklingende Tatsachen...
Ich hoffe, dass ich nicht wieder so lange auf den nächsten "unbequemen" Artikel warten muss...

scheka hat gesagt…

den unbequemen zum kanzler! ^^

Anonym hat gesagt…

Wir haben Sie 1 Jahr vermisst.
Ehrliche Kommentare ohne Propaganda betreffend Russland gibt es in dt. Massmedien leider nicht.

der unbequeme hat gesagt…

Danke! Schön, dass ich so treue Leser habe. Entschuldigt, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Ich werde versuchen, es öfter zu tun.

Anonym hat gesagt…

Endlich wieder da!
Habe schon schlimmeres in unserem de(r')mokratischen Land vermutet.

Exciter_GRU@Disqus

Stirlitz hat gesagt…

Glückwunsch zum Relaunch auch von mir.

Inzwischen hat man sich die lange Wartezeit auf ein neues Donnerwort des "Unbequemen" mit diesem Blogger auf "Russland Heute" vertreiben können:

http://russland-heute.de/der_ulenspeiegel

Stirlitz

der unbequeme hat gesagt…

Danke Stirlitz! Freut mich, dass ich auch weiterhin Ihre treffenden und rationalen Kommentare lesen kann.

Dr. Gunther Kümel hat gesagt…

Die Erfolge Rußlands in der Familienförderung sind sehr zu begrüßen. Allerdings muß bedacht werden, daß auch in Rußland die Geburtenzahl pro Frau noch sehr weit unter dem Erhaltungsniveau liegt.

Die Mittel, die für diesen Erfolg eingesetzt wurden, sind so einfach, daß man sich wundern muß, daß sie in der "brd" und in Österreich nicht schon seit vielen Jahrzehnten eingesetzt werden.

Diese Methoden ähneln sehr den Maßnahmen, die in Bayern, in der DDR und früher im Dritten Reich mit großem Erfolg eingesetzt wurden.

Der Doyen der deutschen Bevölkerungswissenschaft, Prof. Dr. Herwig Birg, berichtet auf seiner Netzseite von einer repräsentativen Umfrage, daß die jungen Frauen in der "brd" ohnehin den Wunsch hätten, zwei oder auch mehrere Kinder in die Welt zu setzen. Ein wirtschaftlicher Anreiz könnte das Problem also durchaus auch bei uns lösen.

Daniel Oehler hat gesagt…

Hallo Unbequemer!

Christos woskrese
(Deutsch: Christus ist auferstanden,
Griechisch: Χριστος ανεστη = Christos anesti)
Zum orthodoxen und katholischen Osterfest alles Gute

Ich habe in meinem Leben sehr viel mit US-Amerikanern, Ukrainern und Russen zu tun gehabt.
Ich habe ihre Gottesdienste mitgefeiert und ihre Gemeinden unterstützt.
Meine Meinung ist, dass Vladimir Putin ein Segen für Russland ist.
Der Hass auf Putin kommt meines Erachtens auch aus dem Wissen um das Versagen der eigenen Politiker.
Russland und die USA wird es noch in 100 Jahren geben, aber die EU? Der EU fehlt das Spirituelle. In den USA, Russland und China spielt der christliche Glaube eine bedeutende Rolle. In der EU ist die Religion "Europa" bzw. der "Euro". Das hat keine Zukunft.

Anonym hat gesagt…

Der Anstieg der Geburtenzahl pro Tausend Einwohner ist nicht auf eine stark gestiegene Geburtenrate zurückzuführen.

"Wischnewski blickt eher skeptisch in die Zukunft. Der aktuelle Trend werde zwar einige Jahre anhalten, weil der Geburtenaufschwung in der Sowjetunion zwischen 1983 und 1988 seinen Höhepunkt erreichte. Die damals geborenen Kinder seien gerade 25 bis 30 Jahre alt. Dann werde aber unvermeidlich ein Rückgang einsetzen, warnte der Experte."

http://de.ria.ru/zeitungen/20121211/265118937.html

Der "Erfolg" neo-konservativer Politik in Bezug auf die Geburtenrate ist daher höchst fraglich.
Weiterhin gilt: Der Erfolg heiligt nicht die Mittel.

der unbequeme hat gesagt…

Der liberale vermeintliche Experte Wischnewski hat schon viele falsche Prognosen abgegeben. Den aktuellen Anstieg der FERTILITÄTSRATE (Kinder pro Frau) hat er seinerzeit komplett verschlafen und nicht vorausgesagt. Und genau das ist die Folge der russischen Politik.

Dass die absolute Geburtenzahl natürlich auch mit der Generationengröße der Eltern zusammenhängt, sind hier triviale Dinge, für die man kein Experte zu sein braucht. Mit dem negativen demographischen Echo der katastrophalen liberalen Jelzin-Ära jetzt ausgerechnet Putins Politik relativieren zu wollen, ist gerade aus dem Mund eines liberalen "Experten" reichlich absurd und zynisch.

Anonym hat gesagt…

Tja, wie wahr, objektive Analysen zu Russland gibt es kaum. Sieht man u.a. an dieser Webseite. Der Artikel hier fegt völlig unter den Tisch, dass die leicht steigende Bevölkerungszahl fast allein durch Einwanderung/Gastarbeiter verursacht wird. Von denen rund die Hälfte illegal im Land sind (Quelle: Russische Migrationsbehörde). Und dass sich nach der Statistik voraussichtlich wenig am Bevölkerungsrückgang ändern wird.

der unbequeme hat gesagt…

Das ist nicht wahr. Der Artikel behandelt nur die natürliche Bevölkerungsänderung, resultierend aus einer Geburtenrate, die die Sterberate seit Neuestem wieder übersteigt. Ich glaube, Sie haben den Artikel nicht aufmerksam genug gelesen. Über diesen Sachverhalt hinaus gibt es in der Tat noch eine beachtliche Einwanderung nach Russland, die hier aber nichts am Thema ändert

illi22 hat gesagt…

Sehr gut getarnte Propaganda hier. Normalerweise kommen solche Beiträge von den regierungstreuen Medien, die den Menschen in Russland und scheinbar auch im Ausland ein solch positives Bild vermitteln.
Die soziale und politische Situation in Russland ist auf einem Drittland Level. Das Budget für Bildung und Medizin wird jährlich gekürzt. Die Zahl der Akademiker ist zwar sehr hoch, aber die wenigsten arbeiten in ihrer Berufssphäre. Die jungen Spezialisten wandern in Massen aus, um im Ausland Arbeit zu finden. Die Inflation im Land in zweistellig, genauso wie der durchschnittliche Zins für Kredite. Preise für Lebensmittel gleichen den aus Europa, gleichzeit stagnieren und fallen die Arbeitslöhne (wenn diese überhaupt gezahlt werden). Korrupte Regierungstrukturen sind soweit im System verankert, dass es ganz normal ist jeden und alles zu schmieren.
Und Sie beschreiben hier einen Trend, der vielleicht auf dem Papier nicht schlecht aussieht. Im Land leben 150Mio Menschen !!! Das ist zwei mal die Bevölkerung von Deutschland. Russland ist aber das GRÖßTE Land der WELT. Die Lebenserwartung von einem Durchschnittsrussen ist um die 60 Jahre. Ich möchte hier nur ein Gefühl dafür geben, wie nutzlos Ihre Statistik an dieser Stelle ist.
Ich rate Ihnen nach Russland zu fahren und dort mal n Jahr zu leben und zwar nicht in Moskau oder St. Petersburg. Dann können wir uns gerne darüber unterhalten wie "aufstrebend" das Land momentan ist.
Ich bin regelmäßig da und höre den Menschen zu, die Ihre alltäglichen Probleme schildern. Für alle russischsprachigen Leser empfehle ich einige der Youtube vlogs, die nicht von dem Staat kontrolliert werden können:
https://www.youtube.com/channel/UCsAw3WynQJMm7tMy093y37A
https://www.youtube.com/channel/UCDbsY8C1eQJ5t6KBv9ds-ag

До свидания!