Montag, 8. Dezember 2014

South Stream: Brüssel hat den Bogen mal wieder überspannt

Putin und Erdogan
Bei seinem jünsgten Besuch in der Türkei hat Russlands Präsident Putin das Aus für die geplante Gaspipeline South Stream verkündet, die quer durch das Schwarze Meer nach Bulgarien gehen sollte. Stattdessen soll eine neue Pipeline in die Türkei gehen, wo an der türkisch-griechischen Grenze ein neuer Verteiler-Hub für Europa entstehen soll.

Die Neuigkeit versetzte die europäische Politiker- und Medienwelt in helle Aufregung. Groß war die reflexhafte Verführung, Putin neuerliche böse Machenschaften vorzuwerfen, doch diesmal konnte nicht übersehen werden, dass es vor allem die EU selbst war, die die Pipeline monatelang blockiert hat. Obwohl sie für zahlreiche EU-Länder wie Frankreich, Italien, Österreich und Ungarn sehr lukrativ war und sie Mißtöne aus Brüssel in den Wind schlugen, erwies sich Bulgarien als das schwächste und am Leichtesten erpressbare Glied in der Kette.

Offizieller Vorwand der EU-Intervention war die angebliche Unvereinbarkeit von South Stream mit dem Dritten Energiepaket, wonach der Betreiber mind. 50% der Pipeline-Kapazität für seine Konkurrenten bereitstellen muss. Wer jedoch in diesem Fall die Konkurrenten rein physisch sein sollen, ist unklar. Das europäische Pipeline-Projekt Nabucco, das Erdgas aus Aserbaidschan, Turkmenistan und dem Iran nach Europa bringen sollte, ist aufgrund der fehlenden Auslastungsaussichten gescheitert. Jetzt sollten wohl zumindest Teilmengen auf dem Rücken der Russen und gegen die Russen nach Europa gebracht werden. Gazprom hatte sich dieser Forderung von Anfang an widersetzt und argumentierte, dass die Verträge mit den einzelnen Partnerländern noch vor dem Inkrafttreten des Dritten Energiepakets abgeschlossen wurden. Die EU hat auch offenbar kein Problem mit Nord Stream, denn die alternative Totalabhängigkeit vom unsicherem Transitland Ukraine wäre für die EU wohl zu viel des Guten. Im Fall von South Stream will die EU jedoch entgegen dem wirtschaftlichen Ratio und zu Lasten der südosteuropäischen Liefersicherheit die Ukraine aus politischen Gründen als Transiteur unbedingt erhalten, damit das Land Trümpfe gegen Russland in der Hand behält.

Die USA müssen natürlich überall mitreden
Doch es ist noch nicht mal die EU, die man als Motor des Ganzen vermuten muss. Eher noch muss man annehmen, dass die EU selbst hier nicht unerheblichen Druck aus Amerika bekommt, das jegliche Ausweitug der Energiepartnerschaft Europas mit Russland wie schon in den Sechzigern torpedieren will. Im Gegensatz zu damals, als es den Amerikanern lediglich um Verhinderung ging, geht es diesmal aber auch um die künftige Vermarktung von ihrem eigenen verflüssigten Gas in Europa, das russisches Gas verdrängen soll. Die Zeche für das deutlich teurere, aber "politisch korrekte" Gas sollen dann die europäischen Verbraucher und die europäische Wirtschaft zahlen, deren Konkurrenzfähigkeit darunter leiden wird. Der EU-Kommission ist das offenbar schnurz. Diverse US-Politiker, darunter John McCain ließen denn auch in Sofia sehen, wo sie die dortige labile politische Führung mit welchen Mitteln auch immer schnell umstimmten. Im Sommer verkündeten die Bulgaren, sie würden South Stream auf Eis legen, bis die EU-Forderungen erfüllt sind.

Umso heftiger sitzt jetzt der Schock in Bulgarien, dass die Russen sie nun gegen die Türken ausgetauscht haben. Die direkten Verluste des Armenhauses Bulgarien werden nun ca. 400 Mio. Dollar jährlich betragen, die indirekten ca. 750 Mio. Dollar. Das ist der vorläufige Preis der Vasallentreue und des Verrats an eigenen nationalen Interessen. Auch die EU ist peinlich berührt. Das Kalkül Russland in der South Stream-Frage lange Zeit an der Angel zu halten und politisch zu manipulieren, ist nicht aufgegangen. Jetzt bekommt sie es auch noch mit der harten Nuss Türkei zu tun, die ebenfalls ihre Marge einfordern wird und eine gewichtige Stimme bekommt. Die EU braucht dieses Gas, hat sich aber mit der Hoffnung auf das Nachgeben Russlands verkalkuliert.

Putin und der Gazprom-Chef Miller
Zunächst versuchten die europäischen Zeitungen, den Schaden kleinzureden und den Scherbenhaufen schönzumalen. Angeblich fehle Russland sowieso das Geld, deswegen hat es das Projekt abgeblasen. Doch daran kann es nicht liegen, denn die Pipeline in die Türkei wird nicht wesentlich billiger. Und wollte man nicht sowieso immer die Abhängigkeit vom russischen Gas reduzieren? Tja, liebe transatlantische Auftragsschreiberlinge: trotz des beinahe schon zehn Jahre alten Geredes ist der russische Marktanteil aus guten Gründen immer weiter gewachsen. Ohne Russland geht's nicht, wie sich dann doch herausstellt. Die Abkehr von Kohle, der Rückgang der Nordsee-Reserven all das wird in Zukunft immer mehr neue Erdgasrouten erforderlich machen. Die Konfrontation mit Russland erweist sich hierbei als ein Schuss ins eigene Knie, den lachenden Dritten hinter dem großen Teich freut das sehr.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ob die Türkei der wirkliche Clou von Putin ist, wird sich noch herausstellen. Gestern stand bei RiaNovosti, daß die Türken es schon einmal abgelehnt haben, sich an der Finanzierung des Seeabschnitts der Pipeline zu beteiligen. Damit bleiben die Russen auf diesem Abschnitt alleine sitzen und der dürfte nicht zum Schnäppchen-Preis zu bekommen sein. Ich bin gespannt, ob sich dieser Schachzug der Russen als wirklich kluger erweisen wird, oder ob das ein voreiliger Schritt war, um die EU unter Druck zu setzen. Das die Russen Brüssel damit überrascht und sicherlich ins Schwitzen gebracht haben, steht außer Frage.
Erdogan dürfte im Moment in einer sehr komfortablen Position sein. Einmal wird ihn jetzt die EU versuchen einzulullen (1), um eine Annäherung zu Rußland zu unterbinden. Denn eine solche paßt weder Brüssel noch Washington. Zum anderen weiß der Türke genau, daß die Russen die Türkei dringend benötigen, nicht nur um ihr Gas zu verkaufen, oder Lebensmittel bei ihnen einzukaufen, nachdem der Kreml berechtigt Sanktionen gegen die EU verhängt hat. Man schaue sich nur die strategische Bedeutung der Türkei an, insbesondere im Hinblick auf das Schwarze Meer.
Weder die NATO, noch die Russen können es sich wirklich leisten, mit der Türkei zu brechen. Und über diesen Vorteil sind sich die Türken durchaus bewußt und werden wiederum ihre Vorteile daraus ziehen.


(1) Mogherini faselte nicht umsonst wieder etwas von EU-Mitgliedschaft für die Türkei, eine Aufnahme in die EU "[...] sehe aktuell sehr gut für sie [die Türken] aus", so die EU-Außenbeauftragte.

Anonym hat gesagt…

Bezüglich meines Kommentars von heute morgen. Da kommt auch schon die Meldung bei RiaNovosti rein: "Türkei geht auf Distanz zu Gas-Deal mit Russland" (1) ... Schade und damit geraten die Russen wieder unter Druck.

(1) Wenn das nicht mal mit dem Besuch der EU-Außenbeauftragten zusammenhängt ...

Anonym hat gesagt…

Ich hatte hier schon am 6. Oktober geschrieben: "Glückwunsch an Russland und Türkei. Alles richtig gemacht"
Das war mein Kommentar zur Isolierung der EU, die innerhalb der EU als Isolierung Russlands verkauft wird. Bringt zweimal gratulieren Unglück? Ansonsten...
Ich glaube, dass der Zug der EU in der Türkei schon lange abgefahren ist, das ist allein schon eine Frage des Stolzes. An was sollte die Türkei denn in der EU partizipieren? An der Umlage für erfolgreiche Staaten, an den Ukraine-Kosten oder gar am Untergang?
Und das Gasgeschäft ist viel zu schön, um es sich entgehen zu lassen. Da kann man Stolz zurückgewinnen und viel Geld verdienen. Es geht dort nur noch darum, den russischen Partnern den Grossteil der Kosten aufzubürden. That´s business und es trifft keinen Armen.
Die Armen werden wir hier sein.

Anonym hat gesagt…

Ölpreis fällt weiter, alleine heute -3,17% (57,99 USD ) Noch 8 Dollar tiefer und die Produktionskostenschwelle von 50 Dollar für russisches Öl wird erreicht. Ab da machen die Russen Verlust.

http://www.finanzen.net/rohstoffe/oelpreis

der unbequeme hat gesagt…

Die Produktionskostenschwelle in Russland wird in Wahrheit in Rubel kalkuliert.

Von welchem Zeitpunkt und zu welchem Umrechnungskurs stammt Ihre Angabe in Dollar? Aus den letzten 3-4 Monaten kann es jedenfalls nicht sein, denn der Ölpreisrückgang und die ihn kompensierende Wechselkursänderung halten in etwa Schritt zueinander. Zum heutigen Umrechnungskurs ist die Produktionskostenschwelle deutlich unter 50 Dollar, die Russen machen weiterhin fast unverändert Gewinn.

Für wen es allerdings wirklich düster aussieht, sind die Ami-Firmen mit ihren Schieferölprojekten.

Anonym hat gesagt…

@der Unbequeme

Die Quelle stammt aus dem aktuellen Spiegel, die gleiche (Minimal)Angabe findet man aber auch in anderen Infografiken.

Der "fiskale Break-Even Preis" für russisches Öl liegt bei etwa 100 Dollar. http://static2.businessinsider.com/image/54771ff0dd08951e798b45be-916-496/citi_goodbye_triple_digit_oil_11_21_2014_pdf__page_19_of_31_.png
https://oilprice.com/images/tinymce/Evan1/ada920.png
https://prosperitysaskatchewan.files.wordpress.com/2014/11/breakeven-oil-prices-1.jpg?w=604

Die Produktionskostenschwelle für russisches Öl liegt je nach Ölförderstandort zwischen 40 und 50 USD, etwa 10-20 USD über dem Nahen Osten.

http://static1.businessinsider.com/image/53712e4f69bedde31684d4c3-854-673/screen%20shot%202014-05-12%20at%203.56.27%20pm.png

Wenn der Ölpreis 50 USD erreicht, wird es kritisch.

CNN spricht sogar von 40-60 USD.
[IMG]http://i59.tinypic.com/20j2xds.jpg[/IMG]

Selbstverständlich wird der Ölpreis vom Westen manipuliert, er begann Ende Juni zu fallen, als die Ukraine-Krise sich voll enfaltete. Zufall? Ich glaube kaum.

Anonym hat gesagt…

@der Unbequeme

Die Ami-Firmen müssen keinen allzu grossen Verlust machen. Es reicht schon, dass man nur keinen Gewinn macht und der russische Haushalt bekommt Probleme. Die Amis können sich sogar Ausgleichszahlungen leisten, weil es immer noch günstiger kommt, als Großkonsument ihr eigenes Öl zu subventionieren, als das gleiche Geld ins Ausland zu transferieren. Ihr Haushalt ist auch ohne Rohstoffe sicher. Der russische jedoch nicht. Wie hoch ist der Rohstoffanteil am russischen BIP? 60%, 70%? Die wissen ganz genau, dass ein Land, welches von Rohstoffen lebt, verwundbar ist. Und das ist ihr Kalkül.

der unbequeme hat gesagt…

Leider haben Sie mir weiterhin auf die Frage nach dem Wechselkurs zwischen Dollar und Rubel nicht geantwortet, der diesen "Schwellen" zugrunde liegt. Wenn das vor einem Jahr kalkuliert wurde, kann man das getrost in die Tonne treten. Die Russen können ihr Öl auch für weniger Dollars verkaufen, wenn sie dafür mehr Rubel pro Dollar rausbekommen. Schließlich ist zuhause alles in Rubel, von den Gehältern der Arbeiter bis zum Staatshaushalt.

Anonym hat gesagt…

@der Unbequeme

Ich denke sie täuschen sich, was den Wechselkurs angeht, denn Russland hat keine geschlossene Waren- und Produktionskette mehr, wie in Zeiten der Sowjetunion. Wichtige Industriegüter müssen eingeführt werden, zb. ist ein nicht geringer Teil Ölförderanlagen sowie insbesondere der Raffinerien inzwischen durch ausländische Technologie ersetzt worden. Alle möglichen Fuhrparks. Deutsche Werkzeugmaschinen usw.

All diese Dinge brauchen Ersatz- und Verbrauchsteile, die nur gegen Dollars bezogen werden können. Wenn der Rubel ggü. dem Dollar fällt, dann verteuert sich auch die Einfuhr dieser Produkte und somit geht ihre Rechnung nicht ganz auf, vielleicht mal von geringeren Lohnkosten für Menschenmaterial in Rubeln abgesehen, aber auch die werden nicht sonderlich zufrieden sein, wenn ihre Reallöhne um einen hohen zweistelligen Prozentsatz fallen und für sie Elektronik, Autos usw. unerschwinglich wird. Ich glaube auch kaum, dass nun alle ausländischen Produktionsanlagen abgeschrieben werden, und das Embargo wird manches auch unbeschaffbar machen. Ausländische Investoren werden aufgrund all dieser Probleme Russland meiden, wie der Teufel das Weihwasser. Was wir allerdings noch nicht angesprochen haben, sind auch die russischen Devisenreserven. Die russischen Banken halten diese nämlich zu großen Teilen nach wie vor in den Steueroasen des Westens. Sollten diese im Zuge der Sanktionen eingefroren werden, dann hat Russland ein gewaltiges Problem.

Rubel können die Russen beliebig nachdrucken. Dafür brauchen sie kein Öl zu verkaufen. Die Frage ist einfach, wieviel ausländische Waren sie pro verkauftem Barrel, meinetwegen in Brasilien oder Indien einkaufen können. Unersetzbare Waren, wie Bananen, Elektronik, Kautschuk, Erze, moderne Werkzeugmaschinen, Autos usw.

Und diese quantitative Menge an Waren, richtet sich nun mal auch in der nächsten Zeit noch nach der Weltleitwährung US-Dollar. Die Welt bestimmt also, wieviel Russland für sein Öl auf dem Weltmarkt bekommt.

Die russischen Firmen haben ihre Technologien in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verbessert. In der Patentstatistik liegt Russland katastrophal weit hinten, wie übrigens ganz Osteuropa, einschliesslich Polen, Tschechien, usw.. Das Wort Katastrophal ist vielleicht sogar noch untertrieben.

der unbequeme hat gesagt…

Wenn sich der Westen ganz banal russische Vermögenswerte unten den Nagel reißt, dann wird das eine räuberische und kriegerische Handlung sein, nach der auch Russland keinen Grund haben wird, die westlichen Vermögenswerte in Russland, auch private, nicht als Kompensation zu beschlagnahmen. Und da westliche Firmen deutlich mehr Direktinvestitionen in Russland getätigt haben, als umgekehrt, wird Russland unterm Strich vermutlich noch nicht mal der Verlierer dieses Abtauschs sein. Ich glaube nicht, dass sich der Westen auf so ein Spiel einlassen wird, selbst wenn er schon jeden Anstand über Bord geworfen hat.

Sicherlich wird Russland kurz- und mittelfristig einen Anstieg der Inflation erleben. Das Land hat aber schon deutlich kritischere Phasen überlebt. Sie vergessen, dass jede Krise auch eine Chance ist. Die jetzige Situation beflügelt den inländischen Produzenten, sowohl den Export, als auch den Absatz auf dem Binnenmarkt. In vielen Branchen ziehen westliche Firmen den kürzeren, für die Russland lange Zeit ein lukrativer, teilweise rettender Wachstums- und Absatzmarkt war. Nun können sie erstmals seit 1991 von den Einheimischen verdrängt werden, die die ganze Zeit wg. der westlichen Economy of Scales kaum Chancen auf Entwicklung und den Markteintritt hatten.

Der Import wird mittelfristig verdrängt, die eigene Wirtschaft diversifiziert. Lange Zeit bemängelten alle, dass das Land zu stark von den Rohstoffen abhängig ist, jetzt gibt es endlich gewichtige Anreize, diese Schieflage zu beseitigen und das soll schlecht sein? Was ist schlecht an neuen Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen? An neuem Bedarf für die eigene, früher vernachlässigte, Forschung und Entwicklung? Was ist schlecht, wenn der berühmte russische Tourist das Geld künftig verstärkt im eigenen Land lässt, statt in westlichen Kurorten, die sich bereits lautstark beklagen?

Kurzum, die Übergangsperiode wird nicht einfach, aber am Ende kann Russland deutlich gestärkter, autarker und erpressungsresistenter rauskommen. Die Fundamentaldaten (niedrige Verschuldung, Haushaltsprofizit, hohe Reserven) lassen das Land gut gerüstet vor dieser Härteprüfung dastehen. Die ganze nicht-westliche Welt schaut gebannt zu, ob Russland dieses Kunststück gelingt, danach wird die US-Hegemonie weltweit erst recht bröckeln.

Und ich weiß wirklich nicht, warum Sie angesichts der aktuellen Situation so viel Schadenfreude mitbringen. Deutschland hat bei dieser ganzen Entwicklung so oder so keinerlei Blumentöpfe zu gewinnen. Es ist ja nicht so, dass deutsche Firmen bislang aus reiner Wohlfahrt mit Russland zusammengearbeitet haben. Sie haben gute Geschäfte gemacht, die jetzt wegbrechen. Wer der lachende Dritte ist, ist bekannt.

PS: Und bzgl. eines etwaigen Rückgangs der russischen Öl- und vor allem Gasproduktion. Nur ein ganz dummer Konsument, der die Basisprinzipien der Preisbildung nicht beachtet, kann sich freuen, wenn sein Lieferant weniger anbietet. Die Preisprämie auf dem Markt zahlt dann der Deutsche und kompensiert dem Anbieter einen Teil des Schadens aus der eigenen Tasche.

Anonym hat gesagt…

@der Unbequeme

Sie verkennen meine Intention, weil sie mir Schadenfreude vorwerfen. Ich versuche nur so gut ich kann, die Lage zu analysieren, ohne Selbstbetrug und falschen Hoffnungen. Sie als Russe versuchen sich die Lage schön zu reden, weil sie emotional in den Konflikt involviert sind, was durchaus verständlich ist. Ich jedoch sehe das ganze pessimistischer und glaube nicht, dass Russland in dem Umfang zu fundamentalen strukturellen Veränderungen fähig ist, wie sie dies erwarten oder hoffen. Vor allem muss so etwas nicht von den Oligarchen ausgehen, sondern von der Bevölkerung selbst, welche leider nichts tun kann, wenn es bald zu einer Kreditklemme und sonstigen neg. Effekten kommt, wie Herr Sergej Glazjew sagt. Wenn es schon in guten Zeiten nicht funktioniert, warum sollte es also möglich sein, in einem Klima der Konfrontation, Handelsbeschränkungen, erhöhten Rüstungskosten, finanziellen Unsicherheiten. Sie kennen doch den Spruch: "Wir taten unser Bestes, aber es kam wie immer".
Der Westen, das sind (+Pudel Japan und sonstige Blinddärme) ca. 1 Milliarde Menschen. Russland kann auf Dauer nicht in dauerhafter Spannung zu diesem Block stehen. Bezüglich der Beschlagnahme von ausländischem Vermögen. Das würde das restliche Kapital vollkommen aus dem Land treiben. Funktionierende und steuerzahlende Betriebe würden aufhören zu arbeiten. Und letztendlich hatte keiner geglaubt, dass der Westen und die EU und Deutschland die Sanktionen hinnehmen, die jetzt schon in Kraft sind und die gewaltigen damit verbundenen Verluste akzeptieren. Doch sie tun es. Die Wirtschaftsverbände überschlagen sich mit Protesten in Berlin, um dies zu verhindern, doch Merkel bleibt hart, weil sie dem transatlantischen Weltstaat dient und eben nicht den Interessen ihres Landes. Die Globalisten würden auch eine Beschlagnahme des Vermögens in Russland hinnehmen, wenn sie Russland auf Dauer nur in die Knie zwingen können. Das ist (wieder) ein ideologischer Konflikt, keiner, in welchem irgend jemand auf Profite achtet. Sonst müsste es diesen ganzen Konflikt gar nicht geben.

Ich stehe übrigens auf der Seite Russlands und bin der Meinung, dass die USA die Krise in der Ukraine lange vorher vorbereitet haben. Russland ist das letzte wirklich freie europäische Land, welches versucht sich dem Würgegriff der Python zu entziehen, welche alle Völker fressen will. Aber ich bin pessimistisch, was den Ausgang ausgeht, auch wenn ich den Russen Glück und viel Kraft wünsche.



der unbequeme hat gesagt…

Schön, dass Sie das Ganze nicht mit Schadenfreude sehen, sondern auf der Seite Russlands stehen und die Weltlage ganz ähnlich sehen, wie ich.

Warum ich denke, dass eine Diversifizierung der Wirtschaft diesmal im Gegensatz zu "normalen Zeiten" gelingen kann? Weil jetzt immense Wettbewerbsvorteile und ein immenser Nachfragesog besteht, der die inländischen Unternehmer antreibt. Das sieht man jetzt gut anhand der Landwirtschaft, wo bekanntlich Einfuhrverbote für EU-Erzeugnisse bestehen. Die russischen Betriebe expandieren aktuell sehr stark, um die Lücken zu füllen. Bei der Schließung der Lücken helfen auch befreundete Staaten. Der Übergang in der Landwirtschaft verläuft gerade ohne größere Schocks, am Ende steht nur der Westen geschädigt da. Ähnlich kann das auch in industriellen Bereichen ablaufen. Russland wird auf eigene Erzeugnisse und andere Lieferantenländer ausweichen. Die staatlich geförderte Forschung und Entwicklung kann man auf die Bereiche fokussieren, in denen zunächst kein gleichwertiger Ersatz für westliche Technologien existiert. Grundsätzlich sind Russen imstande, konkurrenzstarke Hochtechnologien zu entwickeln (Rüstung, Weltraum, Atom etc.) Auch auf bisher untraditionellen Gebieten kann das gelingen, das ist eine Frage der richtigen Fokussierung und Prioritätensetzung. Mag sein, dass die Entwicklung modernster Bohrtechniken, die es heute nur im Westen gibt, mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann, aber warum sollten dies nicht auch russische Ingenieure schaffen?

Um auf das Extremszenario mit gegenseitigen Beschlagnahmungen zurückzukommen. In solchen Fällen kann man auch auf das Extremmittel des Kapitalausfuhrverbots oder zumindest -beschränkungen zurückgreifen. Zum Beispiel, dass man maximal nur so viel Kapital ausführen darf, wie man zuvor eingeführt hat. Aber ich glaube generell nicht, dass es zu solchen Extremszenarien kommen wird.

Anonym hat gesagt…

"Der Westen, das sind (+Pudel Japan und sonstige Blinddärme) ca. 1 Milliarde Menschen. Russland kann auf Dauer nicht in dauerhafter Spannung zu diesem Block stehen."

Die anderen 5 Milliarden, die wir hier nicht vergessen wollen, sympathisieren mehr oder weniger mit Russland. Nichts verbindet mehr als ein gemeinsamer Feind. Und der hat lange daran gearbeitet. Nur schade, dass Deutschland sich so auch den Hass der Restwelt zuzieht. "Made in Germany" kann auch zum Schimpfwort werden, und dann wird es hier finster.

Anonym hat gesagt…

@18.Dez. 21:33

Sie scheinen all die weitläufigen und subtilen Implikationen dieser Aussage nicht ganz zu verstehen. Russland ist nicht Kuba und der Westen ist nicht irgendein beliebiger Machtblock, den man ohne Weiteres auf Dauer ignorieren könnte. Wir leben nicht mehr in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es gibt unzählige ernsthafte Fragen und Probleme, bei denen der Westen Russland unbedingt braucht und umgekehrt. Die Menschheit befindet sich an einem kritischen Punkt, in vielerlei Hinsicht. Gerade jetzt ist ein neuer Kalter Krieg so nötig, wie ein Drittes Auge.
Weder der Westen, noch Russland, kann mit einer solchen Situation leben. Weshalb dieses ganze Szenario wirkt, als wäre es von einem Kind ohne jeden Ernst im Sandkasten erdacht worden. Es ist wie 1914, wo jeder tut, was er tun muss und es in Folge dessen dazu kommt, dass ein neuer, grösserer Dämon aus der Büchse der Pandora freigelassen wird. Russland muss reagieren, aber gleichzeitig kann es mit der neuen Situation auf Dauer noch weniger leben. Also steigt der Druck im Kessel auf beiden Seiten weiter an. Und es muss, all diese Dinge betrachtend, entweder zu einer dauerhaft kaum erträglichen Situation für alle oder zu einem Druckabbau kommen. Der Westen wird versuchen, in Russland einen Regime-Change zu erreichen. Russland finanziert Alternative Medien in der EU und den USA. Das ist im Grunde genommen eine Art Krieg.

Anonym hat gesagt…

Ukraine gibt Blockfreiheit auf!
http://www.dw.de/ukraine-dr%C3%A4ngt-in-die-nato/a-18148941

Sag uns, was dieses eindeutige Bekenntnis nun für den weiteren Verlauf der Ukraine-Krise bedeuten dürfte?

Anonym hat gesagt…

Danke für diesen erfrischenden Gedankenaustausch.