Samstag, 28. Februar 2015

Oppositioneller Nemzow: Tot wertvoller als lebendig

Ein Aufsehen erregender Mord beherrscht die russischen und die weltweiten Schlagzeilen: Boris Nemzow, ein "liberaler" prowestlicher Politiker der außenparlamentarischen Opposition wurde in Moskau von einem Attentäter in der Nähe des Kremls mehrfach tödlich getroffen.

Der Westen schlachtet dieses Ereignis sofort für Anti-Putin-Propaganda aus, denn oberflächlich gesehen scheint aller klar zu sein: das Monster Putin bringt mal wieder einen Kritiker mit seinen kaltblütigen Methoden zum Schweigen. So weit die Version für die allesfressenden Schäfchen, die sich nicht mit der Materie auskennen. Doch eine detailliertere Auseinandersetzung mit der Frage "Cui bono?" muss zwangsläufig auf ganz andere Gedanken bringen.

Nemzow war seit über 15 Jahren eine politische Null und hatte seine massive Unpopularität im Volk vor allem sich selbst zu verdanken. In den Neunziger Jahren war er unter Jelzin ein Regionalgouverneur und galt zwischenzeitlich als eine Art Kronprinz und politisches Talent. Doch seine Verstrickungen in die korrupte Privatisierung und andere dubiose Schemata des ultraliberalen jelzin'schen "Reform"-Clans kosteten ihn bald weitgehend die gesellschaftlichen Sympathien. Während der Präsidentschaft Putins wurde Nemzow zu einem der Anführer der liberalen prowestlichen Opposition, die zwar immer wieder lauthals Protestaktionen gegen "das Regime" organisierte, deren Zustimmungswerte und Wahlergebnisse aber konstant tief im Keller angesiedelt waren. Trotzdem waren die politisch marginalen Nemzow, Kasparow und Co. immer wieder beliebte Interview-Partner in den westlichen Medien, wenn diese wie zumeist auf der Suche nach Putin-Beschimpfungen waren, statt nach der repräsentativen Sicht der Mehrheit. Das häufige Blickenlassen in der Nähe westlicher Botschaften sowie die Spezialisierung auf westliche finanzielle Zuschüsse brachten Nemzow und seinen Mannen im Volksmund den Namen "grantojedy" ein, die Grant-Fresser. Dieses Wort steht synonymisch zu Verräter, fünfte Kolonne, Vertreter fremder Interessen.

Als in Moskau im Winter 2011/2012, die sogenannten Bolotnaja-Proteste gegen die Regierungspartei "Einiges Russland" stattfanden, schwangen sich prowestliche Nemzow-"Liberalen" (auch dieses Wort ließen sie landesweit zum Schimpfwort mutieren) zu den Anführern der Kundgebungen. Prompt ebbten die Proteste ab, da sich viele Leute nicht für Nemzow instrumentalisieren lassen wollten. Auf diese Weise waren Nemzow und Co. als diskreditierte Oppositionskader, die sich aus lauter Eitelkeit nicht persönlich zurückziehen wollten, sehr komfortabel für den Kreml, da sie jeden gesellschaftlichen Protest unfreiwillig im Keim erstickten.

Deswegen muss man sich auch heute fragen: wer profitiert nun von Nemzows Tod? Putin mit seinen derzeit rekordmäßigen 86% Zustimmung musste ihn sicherlich nicht fürchten. Für den 1. März war wieder mal eine Oppositionskundgebung geplant, von der sich jedoch schon im Vorfeld abzeichnete, dass sie ein laues Lüftchen werden würde. Und ausgerechnet gut 24 Stunden davor ereignet sich direkt vor den Mauern des Kreml ein Mord an einem höchst ineffizienten, aber bekannten Oppositionspolitiker. Perfektes Timing und perfekter Ort. Die liberale Schicht Moskaus ist rechtzeitig in Wallung gebracht, um die Lage zu destabilisieren, und die westliche Journallie hat wieder Material für Propaganda und Haßtiraden gegen Putin. Wie schon in dubiosen Fall Litwinenko, als alle sofort mit dem Finger auf Putin zeigten.

Egal, wie sehr jetzt die prowestliche fünfte Kolonne in Russland die Situation im Zusammenhang mit Nemzows Mord gegen Putin ausschlachtet, sollten ihre Vertreter in Wahrheit nachdenklich werden. Denn der Fall Nemzow zeigt, dass die amerikanischen Zahlmeister keine Sentiments haben. Wenn sie auf den Gedanken kommen, dass ein erfolgloser Agent tot mehr wert ist als am Leben, damit er noch zu einer Ikone stilisiert werden kann, dann ist auch der Rest der bezahlten Clique vor ihren "amerikanischen Freunden" nicht sicher. Schließlich heißt das Ziel der US-Geheimdienste die Destabilisierung der innenpolitischen Lage in Russland, auf diese oder jene Weise. Wer sagt, dass sich dazu nur lebendige Oppositionelle eignen?

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PS: Fast zeitgleich mit Nemzow ist in Kiew der gerichtlich verfolgte Oppositionelle Michail Tschetschetow aus der früheren Partei der Regionen durch einen Fenstersturz ums Leben gekommen. Offiziell heißt es, er habe "Selbstmord" begangen... Kein Wort davon in den westlichen Wahrheitsmedien.

Kommentare:

Atheist hat gesagt…

Ein wunderbarer Artikel! Der Inhalt spricht mir aus dem Herzen - Danke!!!

Wolfgang Wilhelm hat gesagt…

Haben Sie noch einen Link über Michail Tschetschetow?

***

Hier noch ein Autritt von Boris Nemzow (vor der us-amerikanischen Botschaft):
http://youtu.be/JJ6UZ_j02fE?t=15s

der unbequeme hat gesagt…

@ Wolfgang Wilhelm

danke für das Video, habe es eingebaut.

Hier etwas über Tschetschetow:
http://lifenews.ru/news/150518

Anonym hat gesagt…

Es ist sicher ratsam, den Block mal der englisch sprechenden Welt zuzuführen. Außerdem sollte Mann (im wahrsten Sinne des Wortes) akribisch sämtliche Bruchstücken von Beweisen zusammen tragen, (Es werden immer Spuren zu finden sein!) um diese bei passender Gelegenheit, z.Bsp. einer Klage am internationalen Gerichtshof, vorzubringen. Diesem Problem kann man nur mit vollkommener Offenheit,Geduld/Ruhe und untermauerter Wahrheit begegnen. Darüber hinaus sollte man darum bemüht sein die leichtgläubigen Schäfchen aus Übersee mal über die Aktionen Ihres Managments zu informieren.
Ps: wenn ich Teil dieses Volkes wäre,wäre ziemlich beleidigt bei dieser Äußerung:„In Amerika leben Menschen aller Art: junge und alte, schwache und starke, kluge und dumme. Und wenn sich total dumme Menschen … wie Clowns benehmen, liebe ich sie trotzdem, weil sie Teil Amerikas sind. Und zwar dessen größter Teil“, so Obama. Dessen größter Teil. Soso :o)) Gruß CK

Anonym hat gesagt…

Psps: Selbsterkenntniss ist der erste Weg zur Besserung!

Anonym hat gesagt…

noch was von Interesse:


CK

Anonym hat gesagt…

verflixt dann eben so:
http://de.sputniknews.com/politik/20150301/301315421.html
ein Hoffnungsschimmer?

Wolfgang Wilhelm hat gesagt…

Lieber anonymer Schreiber,
ich habe den Eindruck, die Kritik an Poroschenko in unseren Medien begannen erst seit dem er Kompromisse eingegangen hat.

So ist es halt: wenn Kirgisien der eurasischen Wirtschaftsunion beitritt, so sind Kirigisen schlechte Demokraten.
Im Gegenzug ist der lupenreine Demokrat Islom Karimow ein guter Diktator. Und der Luka momentan auch, solange er dem Vladi den Stuhl wegzieht.

Wolfgang Wilhelm hat gesagt…

Klimawandel - das war jene Epoche, in denen der Sowjet nicht mehr und der Russe noch nicht als Feind zu verfügung stand. Und in der Tat sorgte die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts im Westen für eine große Sinnkrise. Den Spruch von Volker Pispers "Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur." bestätigt Axel Springer nun auf seine eigene Art:
http://www.welt.de/kultur/article138037412/Danke-Putin-Danke-fuer-alles.html

Anonym hat gesagt…

Bedauerlich mit was Mann sich an der Spitze herum schlagen muß. Als ob der Job ohnehin nicht schon schwer genug ist. Meine absolute Hochachtung gilt denen, die sich dazu bereit erklärt haben so einen Job zu übernehmen. Ständig mußt Du über alles informiert sein, Deine Augen und Ohren offen halten und Dich um alles kümmern. Ganz abgesehen von den Befindlichkeiten der Leute mit denen Mann arbeitet. Außerdem wird permanet versucht alles Gesagte/Gestik/Mimik zu etwas völlig anderem umzubauen. Das geht an die Substanz. Es gehört unheimlich viel Mut dazu, sein Leben in den Dienst für Land und Leute die man im Herzen trägt, zu stellen, um die Dinge besser zu gestalten. Das verdient höchsten Respekt. Natürlich kann man nicht alles richtig machen. Fehler sind menschlich. Niemand ist perfekt. Und niemand hindert einen daran Fehler zu berichtigen.
Ich danke Dir, daß Du mich mit Deinem Block zum nachdenken anregst. Wir sollten uns viel mehr um das kümmern, was um uns herum geschieht...
Ein schönes Wochenende

Gruß CK

Wolfgang Wilhelm hat gesagt…

Halbzeitpause - die zweite Hälfte ist an Spannung nicht zu überbieten! Wer zieht ins demokratische Viertelfinale ein? Dem Sieger winkt die Anerkennung als demokratisch freiheitlicher Staat und Aufnahme in die westliche Wertegemeinschaft!
https://fbcdn-sphotos-h-a.akamaihd.net/hphotos-ak-xft1/v/t1.0-9/11076242_787527164676146_2394068914316721416_n.jpg?oh=90eba40883bcc2e0f53b71d5bb9187a5&oe=55B48D4E&__gda__=1434543300_d465345c7905f52537dd5d93fba901a5

https://www.facebook.com/amronline.de/photos/a.659037574191773.1073741829.610948279000703/787527164676146/?type=1

Anonym hat gesagt…

@WW echt witziges Bild, wenn der Anlaß nicht so makaber wäre.
CK

Wolfgang Wilhelm hat gesagt…

Vielen Dank liebe Zeit (1) bzw. liebe FAZ. Zur Tataufklärung konntet ihr zwar nichts beitragen, dafür sagt ihr über Nemzow endlich das, was er war - ein Agent der Vereinigten Staaten.

Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung könnte die Ermordung mit Nemzows Kontakten in die USA zusammenhängen. Die Zeitung beruft sich auf Sicherheitskreise: Demnach soll Nemzow nach der Annexion der Krim durch Russland die USA dabei unterstützt haben, eine Sanktionsliste gegen führende russische Politiker und Geschäftsleute anzufertigen – die meisten von ihnen Freunde und Weggefährten von Präsident Wladimir Putin. Die Strafmaßnahmen umfassen Einreiseverbote und die Sperrung privater Vermögen im Ausland.

(1) Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/boris-nemzow-moskau-mord-motiv-sanktionsliste-usa

Wolfgang Wilhelm hat gesagt…

Die Logik und der Tod von Boris Nemzow
https://www.youtube.com/watch?v=MkPcyMxjlEY