Donnerstag, 3. Januar 2008

Jahresrückblick 2007: Russland im Aufwind

Wie war das Jahr 2007 für Russland? Was wurde in diesem Jahr in Russland geleistet? Was waren die wesentlichen Ereignisse, die in Erinnerung bleiben werden?

Wirtschaftlich gesehen war es für Russland ein weiteres erfolgreiches Jahr. Mit einem Wachstum von 8,1% und zweistellig gestiegenen Reallöhnen konnte sich die russische Wirtschaft weiter festigen. Ebenso stark gestiegen sind die Investitionen und der Kapitalzufluss nach Russland. Ein Wermutstropfen dabei: die Inflation hat wieder angezogen und lag mit 12% relativ hoch. Insgesamt konnte sich das Land jedoch stabil entwickeln, was in der bewegten russischen Geschichte nicht allzu oft der Fall war.

Die positiven ökonomischen Trends scheinen sich auch auf anderen Feldern auszuwirken. Die Geburten- und die Sterberate haben sich wieder merklich angenähert, so dass der jährliche russische Bevölkerungsschwund um ca. 30% zurückgegangen ist. Eine Rolle mag dabei auch die neue üppige finanzielle Unterstützung des Staates für Familien, die sich für Kinder entscheiden, gespielt haben.

Innenpolitisch ist zunächst einmal das Bekanntwerden des wahrscheinlichen Putin-Nachfolgers Medvedev zu nennen. Die wichtigste Erkenntnis ist dabei, dass der bisherige Kurs fortgeführt wird. Die befürchteten Machtkämpfe bleiben zunächst aus. Die Unterstützung für die herrschenden Eliten erwies sich nicht zuletzt bei den Parlamentswahlen als stabil. Der Westen schaute rat- und machtlos zu.

Außenpolitisch kennzeichnete das vergangene Jahr gewissermaßen eine Wende im russisch-westlichen Verhältnis, wofür die Rede Vladimir Putins bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar gewissermaßen ein Meilenstein war. Hier hat Russland am Lautesten zu verstehen gegeben, dass es die bisherige westliche Politik des Zurückdrängens nicht mehr stillschweigend zu dulden bereit ist. Der Westen wurde seit langem wieder mit Kritik durch eine außenstehende Macht konfrontiert, was für ca. 20 Jahre niemand mehr auf der internationalen Bühne ernsthaft zu tun wagte. Dies beschleunigte ein bislang immer noch nicht abgeschlossenes Umdenken in der Wahrnehmung Russlands, das weder Freund noch Feind, sondern einfach nur selbstbewusst und unabhängig geworden ist.

Mehrere im vergangenen Jahr unterzeichnete Pipeline-Projekte im Kaspischen Raum und auf dem Balkan stärkten die strategische Position Russlands gegenüber Mitbewerbern. Auf dem Balkan und im Nahen Osten registrierten die Medien eine zunehmende "Rückkehr Russlands" als einen der maßgeblichen regionalen Akteure. Erfolgreich verlief das Jahr für die russische Rüstungsindustrie, die mit 7,8 Milliarden US-Dollar einen neuen Export-Rekord aufstellte. Nach großen konsolidierenden Reformen und den erfolgten finanziellen Spritzen könnte jetzt auch die zivile Luftfahrt sowie der Schiffsbau zu neuem Leben erwachen.

Zu den Höhepunkten des Jahres gehörten die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 nach Soči, die arktische Expedition zum Nordpol und die Qualifikation für die Fußball-EM, nicht zuletzt dank eines Willenssieges über England, das nun zuhause bleibt. Von richtigen Tiefpunkten wie Terroranschlägen, Naturkatastrophen oder rufschädigenden Morden blieb das Land 2007 verschont, was ebenfalls sehr viel wert und nicht selbstverständlich ist. In Erinnerung bleiben wird der Konflikt mit Estland rund um die Entweihung von Soldatengräbern und die diplomatische Krise mit Großbritannien.

Zu den prominenten Personen, die die russische Gesellschaft im Jahr 2007 verloren hat, gehörten der Cellist Mstislav Rostropovič, die Schauspieler Kirill Lavrov und Michail Uljanov, der Komponist Tichon Chrennikov und der erste Präsident Russlands Boris Jelzin.

* Auf dem Bild: Roman Pavljučenko nach dem entscheidenden 2:1 gegen England

Kommentare:

pavel hat gesagt…

"Dies beschleunigte ein bislang immer noch nicht abgeschlossenes Umdenken in der Wahrnehmung Russlands, das weder Freund noch Feind, sondern einfach nur selbstbewusst und unabhängig geworden ist."

Ja, in erster Linie unabhängig von aus dem Rohstoffexport erwirtschafteten Gewinnen - sic! Zum Glück haben irgendwelche zwielichtigen Regime immer noch Nachfrage für ausrangiertes Kriegsgerät, puh, sonst wäre man ja arm dran!

Anonym hat gesagt…

Hallo Der Unbequeme, vielen Dank für Ihren kurzen Überblick zu Russland über die vergangenen Ereignissen im Jahr 2007. Auch ich beobachte die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehnisse in und um Russland, daher würde es mich doch mal interessieren, ob Sie bei Gelegenheit einmal einen Blog-Eintrag aus Ihrer Sicht zum "schwierigen" Verhältnis mit Georgien erstellen könnten? (Stichwort: "westliche Orientierung" und Konsequenzen für Russlands "Hinterhof").

der unbequeme hat gesagt…

Hallo,

einen Beitrag über Georgien werde ich gerne schreiben, allerdings möchte ich erstmal abwarten, wie die Wahlen dort letztlich ausgehen. Momentan scheint es ja drunter und drüber zu gehen mit vielen widersprüchlichen Ergebnisangaben und einer protestierenden Opposition.

Anonym hat gesagt…

Dann heisst es für den Moment also, die politischen Geschehnisse in und um Georgien aufmerksam zu verfolgen.
Vielen Dank, dass Sie so schnell geantwortet haben.

Rusinform hat gesagt…

Ihre Bewertung zu den wirtschaftlichen Verhältnissen halte ich für falsch. Der außenwirtschaftliche Handelsüberschuss sank deutlich obwohl die Export wie Importvolumina stark anstiegen. Diese Entwicklung wird Medwedew sicherlich größere Schwierigkeiten bereiten.

Der Einzug in die EM ist wohl sicherlich der eindeutigste Sieg der Russen im vergangenen Jahr, und natürlich die Sotschi 2012.

Sie schreiben von Kämpfen die ausgeblieben seien. Das ist falsch. Im Moment laufen sehr erbitterte Kämpfe im Untergrund um die Verteilung der Kuchen nach 2. März. Das sieht man zum Beispiel an der Verhaftung der Anführers der Drogenpolizei von den FSB Leuten.

der unbequeme hat gesagt…

Ich habe Ihnen beim entsprechenden Artikel in Ihrem Blog geantwortet.