Mittwoch, 12. März 2008

Kritik am Spiegelbild

Angetan hat's mir zuletzt ein langes Interview des ARD-Korrespondenten Horst Kläuser, das im Krusenstern-Blog veröffentlicht wurde. Der dramatische Titel "Manchmal kann man an Russland verzweifeln" ließ schon gleich ein Sahnestück geistig verkrusteter Propaganda-Klagelieder nach gutmenschlicher Altherrenart vermuten. Schließlich ist es nicht allzu lange her, seit Kläuser eine demonstrative wie verlogene geistige Anstrengung unternahm, auch nur eine positive Story an Russland zu finden, um es dann enttäuscht aufzugeben und gleichzeitig einen der moralischen Tiefpunkte der bisherigen medialen Russlandhetze zu markieren.

Originelle Stilblüten antizipierend, widmen wir uns also dem Interview. Später wird es uns tatsächlich belohnen. Anfangs darf sich Kläuser auf primitive russische Journalisten einschießen: "Natürlich gibt es hier keine gewachsene Journalisten-Kultur wie bei uns". Danach wird dem heutigen Deutschland ein "selbstbewusster, unabhängiger Journalismus" bescheinigt, der Russland in der Entwicklung um Jahrzehnte voraus sei. Aha..

Dann macht's Kläuser konkreter: die russischen Kollegen haben alle ein eklatantes Mißverständnis, was journalistische Arbeit angeht. Sie glauben, dass man nur in jemands Auftrag arbeiten kann und erklären sich so die antirussische Haltung der Westmedien. In Wahrheit ist er, Horst Kläuser, aber über solche Sachen 100% erhaben und schreibt völlig frei über das, was er sieht. So weit, so schlecht.

Und plötzlich ein Paar Zeilen später - man traut seinen Augen nicht - überkommt Kläuser ein Anflug bemerkenswerter Offenheit: "In den deutschen, englischen und amerikanischen Redaktionen gibt es natürlich auch eine gewisse Vorprägung in Bezug auf die Nachrichten, die aus Russland erwartet werden. Themen wie die fehlende Demokratie, bedrohte Pressefreiheit, marodes Militär, Grossmachtansprüche, Erpressung durch Energie - mit all diesen Sachen landen sie sofort in den Programmen und in den Zeitungen". Themen, die Russland besser aussehen ließen, "passen nicht in die Wahrnehmung vieler Kollegen in den Redaktionen". Unter solchen Themen versteht Kläuser selbst allerdings eventuelle Erfolge der Opposition. Was kann man dann erst über die Chancen von Meldungen sagen, die für die Mehrheit der Russen aktuell wirklich positiv sind: steigende Renten, Modernisierung des Gesunheitswesens, Vernetzung der Schulen, Erneuerung bei der Armee, die gelungene Aufhaltung des Brain Drains. Solche Berichte werden wir auch in den nächsten 30 Jahren sicherlich nicht zu Gesicht bekommen, denn das passt ins gewünschte Bild von Russland noch weniger.

Dies alles ist an sich nicht erstaunlich, sind wir schließlich schon gewohnt. Erstaunlich ist vielmehr, wie all das im Kopf Kläusers zusammen Platz findet. Denn der Widerspruch der in ein und demselben Interview gemachten Aussagen ist eklatant. Dass ein Journalist, dessen positive Storys mit großer Wahrscheinlichkeit im Mülleimer der Redaktion landen, sich mit der Zeit keine unnötige Mühe mehr macht und, um des beruflichen Erfolges willen, nur noch stereotypenkonforme und generallinientreue Ware abliefert, dürfte klar sein. Schließlich ist er ja schnell austauschbar. Das heißt also, ein Korrespondent tut unter diesen Umständen in der Praxis nichts anderes, als in einem tendenziösen Auftrag von irgendjemand zu handeln, während freie Berichterstattung ein Mythos ist. Und dies ist genau das, was Kläuser weiter oben empört abstreitet...

Dieses System garantiert verläßlich, dass die westlichen Medien, zumindest in Bezug auf Russland, keineswegs pluralistischer sind, als die russischen, nur mit anderem Vorzeichen. Was hier journalistischen Vorbildcharakter tragen soll, ist die große Frage, denn die beiden Systeme gleichen sich wie zwei Tropfen Wasser und dienen jeweils dem eigenen politischen Zweck. Ein Unterschied besteht allenfalls darin, dass die Vertreter der russischen Medienwelt dabei weniger überheblich und moralapostelisch daherkommen.

Dass in Bezug auf die Berichterstattung aus Russland eine mächtige Selektion stattfindet, ahnten und spürten wir irgendwie alle schon immer. Im Kern wurde also kein Amerika neu entdeckt. Bemerkenswert und neu ist jedoch, wie ein Vertreter einer zentralen öffentlich-rechtlichen deutschen Sendeanstalt dies Schwarz auf Weiß zugibt. Wie er es wagte, den uns alles so heiligen demorkratischen Journalismus so zu "verleumden", ist mir nachwievor ein Rätsel. Vielleicht, weil er das Vertrauen des 0815-Zuschauers in sich und seinesgleichen für unumstößlich hält, egal was komme...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schöner Beitrag!
Man kann die Verlogenheit der Westliche-Wertegemeinschaft-Journalie gar nicht oft genug "würdigen"!

Meiner Überzeugung nach ist das kein Zufall. Die (relevanten) Medien in der westlichen Welt sind gleichgeschaltet. Die beschworene Meinugsvielfalt, die eigentlich auch nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage eintreten müßte, ist nichts als eine Schimäre. Dies zu entdecken gelingt jedoch nur jenen wenigen Zeitgenossen, die (a) gerne selbständig denken, (b) der westlichen Demokratie mißtrauen und (c) Zugang zum Internet haben. Die Masse jedoch funtioniert nach dem von Herrn Pawlow entdeckten Prinzip...
Der methodische Fortschritt der Gleichschaltung in "Freien Westen" besteht nun vor allem darin, daß die Ketten nicht so offensichtlich sind, wie z.B. im ehmaligen Kommunismus. Dennoch sind sie da - und sie sind höchst wirksam. Davon konnte man sich jüngst in Brüssel überzeugen:

http://alles-schallundrauch.blogspot.com
dort der Beitrag vom 10.3.2008 "Die Macht der USA über EU und Medien"

Ich werde nie vergessen, wie die hiesige Medienwelt schäumte, weil Russland einigen Oppositionellen die Ausreise durch Paßentzug verwehrte. Als das BRD-Regime etwas später gleiches tat, um einige Oppositionelle am Besuch der Holocaust-Konferenz in Teheran zu hindern, war dies für die gleichen Medien OK...

Der Gipfel des Zynismus, speziell in der BRD, jedoch ist, daß wir gezwungen sind, den täglichen Lügenmüll, der uns via TV in die Wohnung gekübelt wird, auch noch per Zwangsabgabe zu bezahlen! Sogar wer sich nur per Internet informieren will, muß die GEZ-Abzocke erdulden. Wenn das kein Faschismus ist, dann gibt es überhaupt keinen!

Anonym hat gesagt…

Die - möglicherweise unfreiwillige - entwaffnende Offenheit des Herrn Kläuser hat mich auch gewundert. Die einseitige Berichterstattung aus Russland ist also der bekannte deutsche vorauseilende Gehorsam.

Was mich noch mehr wundert ist die Auffassung von der Aufgabe eines Journalisten im Auslandseinsatz. Geht es darum, dort fast ausschliesslich Kontakte zu einheimischen Journalisten herzustellen? Sind die Meinungen von Bürgern, Regierung, Oppositionellen uninteressant?
Bei der erwähnten Finanzierung des öffentlich-rechtlichen ´Journalismus´ scheinen Anwesenheit und Spesen bei weitem vor Vielfalt, echter Recherche und Originalität zu rangieren.
M f G researchernet

Anonym hat gesagt…

Danke für den guten Artikel.

In westlichen Medien scheint auch Kritik an Putinkritik unterdrückt zu werden. So ist es mir heute geschehen. Eine Schweizer Sonntagszeitung hat sich für ihre neue Werbekampagne ein feines Sujet zu Putin ausgedacht.

http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=74277

Mein Kommentar dazu wurde schamlos zensuriert, obwohl er nicht unter der Gürtellinie lag. So weit ich mich erinnere, lautete er etwa wie folgt: "Schade, die Kampagne könnte genial sein. Aber einige Ideen sind leider sehr platt. Putin als Rambo: klischeehafter ginge es nicht. Auch das Sujet mit Bush zeigt nichts Neues, Überraschendes. Ist das Werbung für oberflächlichen Journalismus?"

Anonym hat gesagt…

Danke fürs Aufräumen ;)
Iris

Anonym hat gesagt…

ja Danke!


Osiris

Anonym hat gesagt…

was heißt "Zensur" auf Russisch?

Iris

pippie hat gesagt…

Da der Herr "anonym" schon wieder anfängt, meinen Namen unter seine Beiträge zu setzen, würde ich sie bitten, diese zu löschen, damit es nicht zu Fehlinterpretationen kommt. Wieviel Geltungsbedürfnis muß man eigentlich haben, um sowas hier abzuziehen. Naja, da hilft eben nur Löschen !

Anonym hat gesagt…

genau man kann sein Volk nur durch Unterdrückung und Gewalt beherrschen!

Freie Meinungsäußerung im 21. Jahrhundert würde immer nur zu Chaos und Auflösungstendenzen führen!

Anonym hat gesagt…

Auch das hat keiner behauptet ! u

Anonym hat gesagt…

Russland kann nicht demokratisch regiert werden. Meinungspluralismus und freies Denken seiner Bewohner würde dazu führen, dass dieses Land ob seiner vielfältigen Kulturen und Ethnien auseinanderbrechen würde.

demokratische Vielvölkerstaaten wie z.B. das Milliardenland Indien bestätigen dies, dass sofort nach Etablierung demokratischer Strukturen alles auseinanderbricht.

Neben Indien, das sofort nach seiner Staatsgründung in dutzende Teilreiche zerissen wurde trifft dies auch auf Länder wie Japan, oder z.B. Südafrika, das ja bekannterweise 1994 nach Einführung der Demokratie ebenfalls auseinadnergerissen wurde, zu.

Es gibt kein einziges Besipiel, in der die Einführung einer Demokratie spürbare Verbesserungen für die Menschen gebracht hat.

Das die Demokratie als Staatsform
kontinuierlich über einen längeren Zeitraum, von immer mehr Staaten adoptiert wird, kann nur bestätigen, dass Russland die einzige Ausnahme von der Regel bleiben muss!

Anonym hat gesagt…

Also das finde ich jetzt tatsächlich auch bemerkenswert.

Folgendes lassen Sie weg (oder haben Sie übersehen) in Ihrer Darstellung:
„Das Interview ... entstand im September 2007 und Februar 2008.

Sie hingegen schreiben „Denn der Widerspruch der in ein und demselben Interview gemachten Aussagen ist eklatant.“ Also entweder haben Sie die Fussnote zum Interview nicht gelesen, oder Sie und ich verstehen unter dem oben zitierten Satz aus der Fussnote etwas anderes. (Ich will aber nicht unerwähnt lassen, dass mir an anderer Stelle im Interview aufgefallen ist, dass ein ziemlich heftiger Widerspruch im Interview selbst „stattfindet“, der eben darauf zurückzuführen sein dürfte, dass es entweder in zwei Etappen geführt wurde oder aus zwei Teilen zusammengesetzt ist.)

Weiters liest sich das, woraus bei Ihnen wird „... Themen, die Russland besser aussehen ließen, "passen nicht in die Wahrnehmung vieler Kollegen in den Redaktionen" im Interview selbst so: „Andere Themen dagegen, nehmen wir jetzt mal die fiktive Überschrift "Demokratie im Vormarsch - Kreml-Opposition zeigt die Zähne" – ich glaube, das passt nicht in die Wahrnehmung vieler Kollegen in den Redaktionen.“
Sie haben, das muss man Ihnen offen zugestehen, einen ganz besonderen Schreib- /Zitierstil. Hat man das Interview allerdings nicht gelesen, erscheint alles glasklar.

Allerdings muss ich noch anmerken,dass ich denke, Sie vermischen Äpfeln mit Birnen: als Phänomene betrachtet sind eine „nicht gewachsene Journalisten-Kultur“ und „dass in Bezug auf die Berichterstattung aus ... [welchem Land auch immer!!!] ... eine mächtige Selektion stattfindet“ zwei verschiedene – gleichermassen aber unleugbare und bedauerliche – Tatsachen.

Anonym hat gesagt…

Obwohl ich die grundsätzliche Kritik des "Unbequemen" an den dt. Medien und ihrer Haltung zu Rußland teile, finde ich, daß hier über das Ziel hinausgeschossen wird.

Kollege Kläuser war im Vergleich einer der vernünftigeren Leute. Er bemüht sich mehr um Ausgewogenheit als die meisten Korrespondenten. Ich kenne ihn und habe mit ihn über "unser" Thema (verzerrte Berichterstattung) gesprochen. Er ist mit vielem d'accord, was ja auch in dem Interview durchkommt.

Ich muß aber auch sagen - und das mag hier "unbequem" klingen, daß die Arbeit westlicher Journalisten in Rußland ziemlich schwierieg und frustrierend ist. Behörden und Firmen sind gegenüber Korrespondenten grob, rufen nicht zurück, sagen nix, wimmeln ab, lassen sich verleugnen. Das hängt sicher auch mit dem Mißtrauen zusammen, die die Rußland-Hetze westlicher Medien nun mal erzeugt. Aber es ist unprofessionell und verstärkt nur die Vorurteile bei den ausländischen Journalisten. So verkauft man sein Land nicht.

Echte Hetzer waren Thomas Avenarius von der Süddeutschen Zeitung (inzwischen längst woanders, Gott sein dank) und Josef Joffe von der Zeit.

Nichts für ungut

Sorge