Samstag, 10. Dezember 2011

Fälscher der Fälschungen

40 Tausende Protestierende in Moskau klingt zunächst beeindruckend. Setzt man sie jedoch zu der Gesamtzahl der Bewohner Moskaus (ca. 11 Mio. Menschen, die Agglomeration außen vor gelassen) ins Verhältnis, sind aber ganze 0,0036%. Genau das soll der russische Volkszorn sein, den die westlichen Medien zur Zeit bejubeln.

Lohnend ist auch der Blick auf die Zusammensetzung der Protestierenden. Der bunte Haufen ist stark durchmischt mit radikalen und per se nicht-einvestanden Nationalbolschewisten um Eduard Limonov sowie mit der radikaloppositionellen Gruppierung PARNAS. Ihre Anführer sind der Jelzin'sche Ex-Premier Michail Kasjanow (Spitzname aus den Amtszeiten Mischa Zwei Prozent), der ultraliberale Ex-Gouverneur Nischni Nowgorods Boris Nemzow sowie der Schachweltmeister Garri Kasparow, den es neuerdings in die Politik verschlug. Alle drei sind häufige Gäste in US Think Tanks, sie lieben es, durch die USA zu touren und vor dem amerikanischen Publikum Schauergeschichten über ihre Heimat zu erzählen. Kasparov ist Mitglied im "Center for Security Policy", dessen erklärtes Ziel "the defence of the United States and American values around the world" ist. Sich zusammenzureimen, wer PARNAS finanziert, ist keine schwierige Aufgabe.

Zwar hat die OSZE, deren Unparteilichkeit ebenfalls diskussionswürdig ist, auf Verstöße bei der Wahl hingewiesen. Sie hat diese Aussage aber abstrakt gehalten und die Ausmaße nicht konkretisiert. Vermutlich weil es beim näheren Hinschauen nicht wirklich viel zu berichten gäbe. Dass in einem so großen Land hier und da Verstöße auftreten, kann an sich als vollkommen normal erachtet werden. Auch in den superdemokratischen USA kann man nach jeder Wahl eine entsprechende Verstoßliste anfertigen. Entscheidend ist, welches Ausmaß die Verstöße haben und ob sie die Wahlergebnis spürbar beeinträchtigen. Bei den Parlamentswahlen in Russland kann das schwerlich der Fall gewesen sein, da die amtlichen Ergebnisse sowohl mit den Umfragen vor der Wahl, als auch mit den unabhängigen Exit-Polls übereinstimmen. Das Aufbauschen der im Hintergrundrauschen immer und überall vorhandenen Verstöße kann aber eine perfekte Vorlage für eine mediale Angriffswelle und Kundgebungen der Protestierenden liefern.

Der radikalen Opposition ist jedes Mittel recht, um die Situation im Lande zu destabilisieren und die Staatsmacht zu diskreditieren. Die sich über das gefundene Fressen ausgiebig freuende Westpresse vergisst allzu schnell, dass Demonstranten nicht automatisch und pauschal romantische Freiheitskämpfer sind. Ebenso wird aus den Augen gelassen, dass Demokratie nicht nur bei den Machthabenden reifen muss, sondern ebenso bei der Opposition. Die Akzeptanz von Wahlniederlagen seitens der Opposition ist gleichermaßen ein unverzichtbares Element der Demokratie. Die erfahrenen Dirigenten aus dem Ausland, die genau bei diesem Punkt ansetzen und ihre Schützlinge darauf trimmen, jegliche unangenehme Wahlausgänge abzulehnen, beweisen ihrerseits ein Verachten der Demokratie.

Bleibt nur zu wünschen, dass Vladimir Putin die Situation unter Kontrolle behält und die orangene Infektion im Keim erstickt, deren Ergebnisse in der Ukraine bekannt sind. Die ruhigere absolute Mehrheit der Wähler sollte zeitgleich durchaus mal auch einen "Aufstand der Anständigen" organisieren, um das Abgleiten der Lage zugunsten der undemokratischen hyperaktiven Minderheit zu verhindern.

Kommentare:

Stirlitz hat gesagt…

Zwar stimme ich ihrer Analyse der sogenannten „Opposition“ in Russland zu, nicht aber ihrer Bagatellisierung des echten Volkzorns. Als jemand, der Verwandte und Freunde in Russland hat, meine ich spüren zu können, daß auch Menschen, die den Westen nicht idealisieren, ja sogar Leute, die vom System Putin profitieren, die Schnauze voll haben. Das geht los mit der plumpen Propaganda im Fernsehen (nicht daß es die nicht auch bei uns gibt, aber sie ist hierzulande besser gemacht, nicht so aufdringlich) und endet bei Fälschungen und massiver Wahlfälschung. So hat mir z. B. ein hoher Vertreter einer der bewaffneten Kräfte des Landes erzählt, sie hätten ihren Wahlzettel mit dem Handy fotografieren müssen und anschließend vorzeigen müssen und je nachdem, wie gewählt wurde, gab es dann Strafen oder Prämien. Das heißt aber noch lange nicht, daß dieser Mann von den USA gesteuerte Clowns wie Kasparow oder Nemzow an der Macht sehen will, ihn und viele andere nervt nur die Unverschämtheit, mit der die Partei sich selbst bedient und ihre Macht erhält. Von Verwandten habe ich gehört, daß sie die Namen ihrer toten angehörigen in den Wahllisten gesehen haben. Auf intensives Nachbohren wurde dann mit Bleistift „vestorben“ daneben geschieben. Angesichts der massiven Verstöße, von denen man auch privat zu hören bekommt, halte ich ihre Einschätzung der lage als „Aufbauschen im Hintergrundrauschen“ für einen Euphemismus.

der unbequeme hat gesagt…

Hallo Stirlitz!

Danke für die Rückmeldung und Ihre Meinung, die ich respektiere. Einige Punkte dazu: Dass die Manipulation des öffentlichen Bewusstseins im Westen wesentlich raffinierter und unauffälliger ist, ist mMn zwar ein technischer, aber keineswegs ein moralischer Pluspunkt, eher im Gegenteil. Eine solche Propaganda ist als heimtückischer und deswegen gefährlicher einzustufen. Mag sein, dass es weniger reizt, aber ist die Situation in ihrem Wesen dadurch besser?

Zu den Fälschungen: ich will nicht leugnen, dass es in einem so großen Land Verstöße gibt, es wäre im Gegenteil erstaunlich, wenn es keine Verstöße gegeben tätte, darunter gezielte Fälschungen. Verstöße gehören zu den Wahlen dazu, auch in den USA ist nach jeder Wahl die Liste der Unregelmäßigkeiten sehr lang. Die Frage ist, wie massiv sind diese im Verhältnis zum Gesamtergebnis? Selbst die OSZE hat sich bislang um diese Antwort gedrückt. Für meine persönliche Antwort darauf, waren die kaum vorhandenen Differenzen zu Umfragen vor den Wahlen und Exit-Polls. Ich glaube zudem kaum, dass Putin höchstpersönlich die Anweisung gab, zu fälschen. Vielmehr waren es in streitbaren Fällen besonders tüchtige Vertreter des Beamtenapparats, die sich im vorauseilenden Gehorsam hervortun wollten. Putins Fehler bestand mMn darin, ein solches Verhalten nicht bereits präventiv ausdrücklich untersagt zu haben.

Anonym hat gesagt…

Herr Unbequemer, ich hätte da mal eine Frage? Warum greifen sie in die selbe Trickkiste welche sie anderswo verurteilen. Sie kommen hie rmit Halbwahrheiten welche nur jene Leser beindrucken die sowieso Putins Füße küssen. egal was er macht. Da stellen sie eine Rechnung auf welche das Verhältnis der Protestierenden zur Gesamtbevölkerung aufzeigt und wollen damit beweisen es handle sich um die Unzufriedenen mit der Regierung Putins nur um einen Promilleanteil. Solche "Rechnungen" haben auch die Diktatoren in Nordafrika aufgestellt um der Welt zu "beweisen" es seien nur ein paar Aufständische. Zudem untertreiben sie sogar schon gewaltig mit der Zahl von 40.000, denn selbst nach den staatlichen Medien waren es 60.000 (wobei 100.000 eher hinkommen dürfte), und das nur in Moskau. Die anderen Städte Russlands lassen sie total ausser acht.
Oh und natürlich, die alte Leier, westliche Verschwörungen sind dann natürlich Schuld, und die Demonstrierenden werden verhöhnt und nicht ernstgenommen. Kennen wir ja auch von den nordafrikanischen Diktatoren. Einzugestehen das man Fehler gemacht hat kommt weder von Hernn Putin noch von seinen Getreuen, wobei es ein Zeichen von Größe wäre.

Blogger S hat gesagt…

Aber, lieber Anonymus, ein bisschen lustig ist es auch: Derweil die russischsprachigen sozialen Netzwerke derzeit voller Häme sind, Fälschungen anprangern und der Partei "Einheitliches Russland" neue Namen geben, gibt es hier eine tapfere deutschsprachige Seite, welche alle erdenkliche Schuld in der in sich vereinigten West-Journaille findet. Ich lese das immer wieder gern, weil exotisch und gegen den Strom inoffiziell-öffentlicher Meinung angeschrieben.
Jeder hat das Recht Putin toll zu finden, derweil jeder andere das Recht haben sollte, genau darüber zu lachen.
Kleiner Hinweis an @Sockenpuppe: Der echte Max Otto hatte ein "ie" im Namen.

der unbequeme hat gesagt…

@ Blogger S

danke für die sachliche und lückenlose Argumentation.

@ Anonym

Laut staatlichen russischen Medien war die Zahl der Protestierenden auf dem Sacharow-Prospekt (mein Artikel bezieht sich noch auf den ersten Protest vom Bolotnaja-Platz) ca. 29.000. "Über 100.000" ist eine Behauptung der Organisatoren. Selbst die westlichen Medien schreiben, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt - bei 60 bis 70 Tausend. Vergessen wir für einen Moment, dass der harte Kern noch wesentlich kleiner ist und darunter noch viele Schaulustige sind.

Wenn man dazu noch bedenkt, dass die Protestbewegung in der Provinz kaum Anhänger findet und dass die Demonstranten ein wirklich sehr heterogener, zum Teil zerstrittener Haufen sind, sind diese Proteste Putin wirklich kaum gefährlich.

Sie brauchen hier keine an den Haaren herbeigezogene Vergleiche mit anderen Erdteilen zu bemühen. Bleiben Sie einfach sachlich und argumentieren Sie.

Anonym hat gesagt…

@ Blogger S: Sie haben vollkommen recht, "Exotisch" ist hierfür wirklich ein passender Ausdruck.

@ der unbequeme: Wenn Sie sachliche Argumentation einfordern, dann sollten man sich auch als Blog-Betreiber daran halten. Mit ihrer Zahlenakrobatik kann man so ziemlich alles relativieren.
Aber wenn sie so sehr Zahlen mögen, dann erklären Sie doch mal wie der herbe Stimmenverlust für Einiges Russland zustande kommt. Von 64,3 runter auf 49,3. Also wieviele wahlberechtigte Menschen sind diese 15% die Putin diesmal die Rote Karte gezeigt haben? Aussgehen von der Zahl der Wahlberechtigten sind das gute 6.5 Millionen die der Partei Einiges Russland ihre Stimme verweigert haben. Wahlfälschungen nicht eingerechnet.

der unbequeme hat gesagt…

Parteien, die an der Regierung sind, können in Zeiten der Wirtschaftskrise keinen Blumentopf gewinnen. Während in vielen Ländern Europas Machtparteien abgewählt wurden (zuletzt in Spanien), sind es in Russland lediglich Stimmenverluste. Meiner Ansicht nach vollkommen natürlich und verständlich.

Stirlitz hat gesagt…

@Unbequemer: „Ich glaube zudem kaum, dass Putin höchstpersönlich die Anweisung gab, zu fälschen“. Diese Argumentationsweise nannte man in Deutschland früher „wenn das der Führer wüsste“. Die hohen Herren geben selten konkrete Anweisungen, wie die Schweinereien auszuführen sind, die sie von ihren Untergebenen erwarten. Ein „stellen Sie sicher, daß es keine Überraschungen gibt“ reicht schon aus.
„Dass die Manipulation des öffentlichen Bewusstseins im Westen wesentlich raffinierter und unauffälliger ist, ist mMn zwar ein technischer, aber keineswegs ein moralischer Pluspunkt, eher im Gegenteil.“ Ja, aber: Die Manipulation im Westen ist auch deshalb erfolgreicher, weil es hier tatsächlich zahlreiche Möglichkeiten gibt, Kritik zu äußern, die auch nicht selten zum Erfolg führt. Das gibt den Menschen das Gefühl, in einem System zu leben, in dem es im Großen und Ganzen ehrlich zugeht. Dadurch entgeht vielen, daß es Bereiche geht, in denen wir tatsächlich zu unserem Schaden manipuliert werden. Aber ich kenne kein System, das wirklich 100 % ehrlich und transparent ist. Deswegen gilt aber nicht, daß alle politischen Systeme gleich schlimm sind, nur weil überall manipuliert wird. Es kommt auch darauf an, wie weit die Manipulation geht, was die Folgen davon sind, welche Mißstände dadurch vertuscht werden, wie groß das Risiko ist, dagegen zu reden etc. Und hier finde ich, daß wir im Westen immer noch besser dran sind als in Rußland. Ich begrüße daher ihre Bemühungen, die Rußland-Berichterstattung kritisch zu hinterfragen, aber ich verwehre mich gegen ihre Unterstellung, es sei im Westen letztlich genauso schlimm wie in Rußland oder gar noch übler.
@Asolf: Wessen Sockenpuppe denn bitte?

Und zum Thema Stirlitz/Stierlitz. Der „echte“ Max-Otto ist bekanntlich ein russisches Phantasieprodukt und wird mit kyrillischen Buchstaben geschrieben. Im Internet finden Sie beide Versionen und da ich nicht den Anspruch erhebe, Max-Otto zu sein, ist es eigentlich ziemlich egal, wie ich den Namen verwende. Sie hängen sich wohl gern an Kleinigkeiten auf, um Kompetenz vorzutäuschen?