Mittwoch, 2. Mai 2007

"Die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts"

Wann immer uns ein Autor in einem Kommentar vom bösartigen und reaktionären Wesen Wladimir Putins überzeugen will, findet sich neben anderen standardmäßigen Anschuldigungen und Betonungen gewisser biographischer Aspekte auch obligatorisch ein putin'sches Zitat, das er einst während einer Pressekonferenz gemacht hat: "Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Fortan wurde diese Aussage zur "reaktionären Visitenkarte" Putins in den Artikeln immer gleicher Leitpropagandisten auf den Seiten von Washington Post oder Wall Street Journal, von wo aus auch deutsche Medien fleißig die Marschroute abschauen.

Doch was war mit dieser Aussage wirklich gemeint, und ist Wladimir Putin in der Tat so verlogen, dass er auf der einen Seite von der unumkehrbaren Wahl Russlands zugunsten der Demokratie redet und sich zu Ostern neben dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche beim Kerzenaufstellen bekreuzigt und auf der anderen Seite dem verkrusteten kommunistischen Zeitalter nachtrauert?

Um zu verstehen, was hier gemeint war, sollte man das Wort Katastrophe überdenken. Katastrophe hat sprachlich gesehen auch eine spezifischere, engere Bedeutung, als die plumpe, die uns die Medien einreden wollen, wenn sie von Putins Nostalgie nach dem Sowjetregime erzählen. Katastrophe ist ein Synonym für Crash, Zusammenbruch. So wie Schiffs-Katastrophe. Es ist eine Beschreibung eines sachlichen Vorgangs, mehr oder weniger werturteilsfrei. Putin meinte damit das Stranden des "Sowjetschiffs", den Zusammenbruch aller seiner internen Strukturen, der Wirtschaft, des Wertesystems. Etwas anderes konnte er auch nicht gemeint haben, denn in der ersten, banaleren Variante des Wortes Katastrophe, würde er zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg hinten anstellen, was in Russland, wo 20 bis 27 Millionen Menschen umgekommen sind, gelinde gesagt, totaler Nonsense wäre.

Deswegen ist es für mich immer mindestens die mangelnde Verstädnisfähigkeit, wahrscheinlicher jedoch bewußte Verdrehung, wenn jemand versucht, in diese Worte Putins eine Nostalgie hineinzuinterpretieren. Natürlich kann man mit dem Wort Katastrophe keine positiven Emotionen verbinden. Was Putin meinte, war die persönliche Tragödie von Millionen von Menschen, die nach 1991 in die totale Verelendung abstürzten. Auch meinte er die damit verbundene Kriminalisierung und Alkoholisierung der Gesellschaft, fallende Geburten- und steigende Todes- und Selbstmordraten und viele andere schwere Effekte des Übergangsschocks, durch den die Gesellschaft ging. Die Pleiten und die Zerstörung riesiger Unternehmen, der Abbruch zahlreicher großer Projekte, denen viele Menschen ihre ganzen Leben widmeten. Der fast bis zur vollständigen Handlungsunfähigkeit vorangeschrittene Zusammenbruch der staalichen Strukturen ist ebenfalls Teil dieses Systemkrachs, sprich -katastrophe. Ebenso wie der blutige Tschetschenienkrieg, der aus der Auflösung der Sowjetunion resultierte. Also all jene Tragödien, die der Westen kaum betroffen aus der sicheren Entfernung beobachtete und nicht nachempfinden kann. Solche Sachen kann man natürlich nicht als neutral empfinden und sicherlich klingt da auch bei Putin, wie bei jedem anderen Russen, ein großes Bedauern heraus. Doch die Sache so umzudrehen, dass Putin als verkappter Kommunist und KGB-ler die Sowjetunion lobpreist, dass er immer noch im Wertesystem des Politbüros verweilt oder sich die Unterdrückung Mittel- und Osteuropas zurückersehnt, ist ein böser rhetorischer Missbrauch und darüberhinaus eine Missachtung der Gefühle und persönlichen Schicksale vieler Russen.

Kommentare:

berggeist hat gesagt…

Während der Jahrtausendwende bin ich zu meinen Freunden nach Kirgisien gereist. Von dieser Reise hab ich ein Foto mitgebracht: eine sehr alte Oma schreitet vom Basar nach Hause. Sie trägt eine Plastiktüte mit Produkten. Sie geht mit´m Stock krumm, wie ein Krüppel. Das ist der Vordergrund. Im Hinergrund ein großer Plakat mit einer westlichen Tabakwerbung. Meine Frage ist: Wer könnte dieser armen Frau mehr helfen? Diese Werbung und alles was dahinten im Hintergrund steht oder eine sichere sowjetische Rente, die sie mit ehrlichen Arbeit lebenslang in den Sowjetzeiten verdiehnt und nicht bekommen hatte? Wo sind die Übermenschen, die Rambos, die gegen die Achse des Bösens gekämpft und so leicht und so blutlos besiegt haben? Die Sowjetmacht haben sie vernichtet. Sogar mit unser gemeinsamen Unterstützung. O.k. Und wer sollte danach um dieser alten Oma sich kümmern? Ja. Das hat man danach uns selber überlassen.

oriam hat gesagt…

Super Blog, ich bin begeistert!

Intellektuell hervorragendes Niveau!DANKE für die vielen tiefschürfenden zusammenhängenden
Erste Wortmeldung Hier!
Darstellungen und Analysen von Gesamtzusammenhängen!

So muss Geschichtsschreibung sein!
Ich habe ihren Link schon oft unter anti Russische Lügen Propaganda Videos bei You Tube gepostet>>Weshalb der Westen Putin hasst.
Aber ich habe bei einen ihrer Darstellungen einige Widersprüche und fehlen von Ereignissen % Fakten gefunden, ich werde mich wenn möglich gelegentlich dazu Sachlich einbringen.

Hier Zitat:
"Ebenso wie der blutige Tschetschenienkrieg, der aus der Auflösung der Sowjetunion resultierte."

Das ist nur bedingt richtig!
Der erste wie auch der zweite Tschetschenienkrieg ist durch Ausländische Kräfte inszeniert worden. Russland war da Opfer und nicht Täter.

Ich werde das die nächsten Tage noch genauer ausführen.


hier finden sie einen Teil der Strategie, die auch in Russland + Nachbarstaaten zur Anwendung kommt!

"Der Staat, der tiefe Staat und die Wall Street-Oberwelt
März 14th, 2014 No Comments
Empfehlen / Bookmarken
In einem ausführlichen Essay zeigt Peter Dale Scott die komplexen Verbindungen eines von der CIA zusammengehaltenen Milieus auf, das Drogenhändler mit Waffenschmugglern und Wall Street-Bankern verband. Aus diesem Milieu entstand der supranationale “tiefe Staat” – der den öffentlichen Staat zunehmend ins Abseits stellt."

http://www.larsschall.com/2014/03/14/der-staat-der-tiefe-staat-und-die-wall-street-oberwelt-2/



Anonym hat gesagt…

Man könnte dem Blog vielleicht zustimmen, wenn er nicht so schnöde das Wort "geopolitisch" auslassen würde - und das is t -leioder - nicht auf Russland intern bezogen!
Mario

ASSket hat gesagt…

@Mario: Geopolitisch ist nicht nur auf Russland bezogen, sondern auf alle ehemaligen Sowjetrepubliken und auch Einflüssgebiete. Fast jede von den Republiken hatte einen blutigen Konflikt in Folge des Zusammenbruchs von Sowjetunion. Und die meisten dieser Konflikte sind immer noch ungelöst. Oder meinst Du, dass ohne Zerfall von Sowjetunion die NATO-Eingriffe in die souveräne Staate so einfach möglich wären?- Natürlich ist es eine geopolitische Katastrophe.